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28.03.2003

08:07 Uhr

Rohstoff unter der Lupe

Spekulanten hoffen auf karge Kaffee-Ernte

VonDieter Claassen (Handelsblatt)

Die Kaffeeernten waren weltweit zuletzt rückläufig. Doch hohe Vorräte lasten noch auf den Preisen. Mit Spannung wird nun die nächste Ernte Brasiliens erwartet. Hier könnte die Erzeugung um 40 % einbrechen.

LONDON. Die Rohkaffeepreise haben sich zwar von ihren letztjährigen Tiefständen gelöst, eine nachhaltige Erholung lässt aber weiter auf sich warten. Die Verbraucher müssen kräftige Preiserhöhungen wohl nur dann befürchten, sollte das Angebot drastisch schrumpfen. Die deutschen Verbraucher haben die historisch niedrigen Preise jedenfalls nicht genutzt. Nach Angaben des Deutschen Kaffee-Verbands blieb der Absatz im vergangenen Jahr mit 541 050 Tonnen (t) um 1,5 % unter dem Vorjahresergebnis.

Nun sind die Blicke am Kaffeemarkt einmal mehr auf Brasilien gerichtet. Das Land zählt zu den wichtigen Erzeugerländern. Erzeuger und Spekulanten haben dabei nach Einschätzung Londoner Marktexperten in den nächsten Monaten vor allem die Wuchsbedingungen in Brasilien im Blick. In dem größten Kaffeeanbauland der Welt sind in den letzten Jahrzehnten bereits zum wiederholte Male Rekordernten von extrem mageren Erntejahren abgelöst worden. Experten bezeichnen dies als einen Zyklus. So brachen die Erträge 1988/89 nach einem Rekordaufkommen von 43 Mill. Sack im Vorjahr um 47 % auf 22,9 Mill. Sack ein.

Auch in dem in Brasilien nun unmittelbar bevorstehenden Erntejahr 2003/04 wird ein Einbruch erwartet. Noch variieren allerdings die Schätzungen über die Höhe des möglichen Einbruchs. Nestor Osorio, Chef der Chef der Internationalen Kaffeeorganisation ICO in London, hält nach einem Besuch der Anbaugebiete die Schätzung Kaffeeagentur Conab von etwa 28 Mill. Sack für die "bisher zuverlässigste"" Und selbst die eher skeptische Londoner Economist Intelligence Unit, EIU, erwartet - nicht zuletzt auf Grund spekulativer Aktivitäten im Vorfeld der Ernte - einen Anstieg der Arabica-Preise auf 66,5 Pence im Jahresdurchschnitt 2003. Hinzu kämen mögliche Frost- und Dürreschäden.

Die jetzt eingefahrene Welt-Kaffeeernte liegt, zuzüglich zu den in den vergangenen Jahren angehäuften Vorräten, mit insgesamt 155 Mill. Sack um fast 50 % über dem jährlichen Verbrauch. Die großen Fonds haben daher laut ICO zunächst klar Schiff gemacht. "Massive Terminverkäufe" seit Ende Februar hätten den Aufwärtstrend bei den Preisen einstweilen gestoppt.

Der ICO-Composite Indikator Preis, das gewogene Mittel aus den Preisen für die höherwertigen Arabicas und die minderen Robusta-Sorten, notierte zuletzt mit nur noch 48,38 Cent je Pfund. Dahinter verbirgt sich ein Preis von 60 Cents je Pfund für Milde Arabicas und ein Preis von 37,13 Cents für Robustas. Damit liegt der Indikatorpreis zwar immer noch um etwa 20 % über dem Stand des Vorjahres. Die Krise um den Weltkaffeeanbau ist nach den Ausführungen der ICO aber noch keineswegs ausgestanden. Die Preise liegen immer noch um etwa 60 % unter dem Niveau von 1997. In vielen Erzeugerländern deckten die Erlöse nicht die Produktionskosten.

Das von der ICO jetzt erstmals für 2002/03 geschätzte Welt-Kaffeeaufkommen soll zwar um weitere 6 % auf 117,4 Mill. Sack (a 60 kg) und damit auf den höchsten Stand seit 1965/66 steigen. Das Angebot übertrifft damit das fünfte Jahr in Folge die Nachfrage (um ca. 10 Mill. Sack). Dies sei jedoch einzig und allein auf die Rekordernte Brasiliens mit 47,3 Mill. Sack zurückzuführen. In den übrigen Anbauregionen, mit der Ausnahme Afrikas, wird die Kaffeeproduktion dagegen 2002/03 deutlich hinter dem Ergebnis des Vorjahres zurück bleiben. Grund dafür sind die klimatischen Bedingungen und die bereits seit Jahren kaum noch kostendeckenden Preise. In Nicaragua, Honduras, El Salvador brachen die Erträge im Kaffeejahr 2002/03 um 14 bis 26 % ein. In den klassischen Erzeugerländern von Robustas wie Vietnam und Indonesien verringerten sie sich mit 9,2 Mill. bzw. 5,83 Mill. Sack laut ICO um ein Viertel.

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