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26.12.2011

08:58 Uhr

Rückblick 2011

Unglücksjahr für die Energieversorger

VonDana Heide

Die Energieversorger haben ein turbulentes Jahr hinter sich. Als Reaktion auf die Katastrophe von Fukushima zog die Bundesregierung den Atomausstieg vor – ein Szenario, auf das die Unternehmen nicht vorbereitet waren.

War gegen den Atomausstieg: RWE-Chef Jürgen Großmann. Reuters

War gegen den Atomausstieg: RWE-Chef Jürgen Großmann.

DüsseldorfAm Freitag, den 11. März, 14.45 Uhr Ortszeit, ereignet sich in Fukushima eine Katastrophe, die wochenlang die Titelseiten der Zeitungen bestimmt. Und die das Geschäft der Energieversorger in Deutschland für immer verändern wird. Infolge eines starken Erdbebens bildet sich in der japanischen Präfektur Fukushima ein riesiger Tsunami, der das Kühlsystem der gleichnamigen Atomkraftanlage lahmlegt. Die Gegend wird evakuiert, die Verseuchung beginnt.

Menschen auf der ganzen Welt sind geschockt. Die Risiken der Atomkraft sind in ihren Köpfen schlagartig wieder präsent. Bundeskanzlerin Angela Merkel reagiert sofort auf die Unruhe in der Bevölkerung. Vier Tage nach dem Atomunfall lässt sie sieben der ältesten Atomkraftwerke sofort abschalten, zunächst jedoch nur für drei Monate.

Als das Moratorium endet, wird klar: Die Meiler werden nie wieder ans Netz gehen. Die Bundesregierung nimmt die Laufzeitverlängerung aus dem vergangenen Jahr zurück. Acht der insgesamt 17 deutschen Atomkraftwerke werden sofort stillgelegt, die übrigen neun sollen stufenweise bis zum Jahr 2022 vom Netz gehen.

Fukushima - Chronik einer Katastrophe

März 2011

Am 11. März 2011 erschüttert ein Erdbeben der Stärke 9,0 Japan und löst eine gigantische Flutwelle aus. Das Atomkraftwerk Fukushima gerät außer Kontrolle. Es gibt Explosionen, Radioaktivität wird freigesetzt. Die Reaktorkühlung fällt aus, in drei Blöcken kommt es zur teilweisen Kernschmelze. Die Regierung ruft den atomaren Notfall aus. Lebensmittel aus der Präfektur Fukushima dürfen nicht mehr verkauft werden.

April 2011

Japan stuft die Atomkatastrophe auf die höchste Stufe 7 der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (Ines) hoch. Eine 20-Kilometer-Evakuierungszone um die Atomruine wird Sperrgebiet.

Mai 2011

Der Chef des Kraftwerksbetreibers Tepco tritt zurück. Japans Unterhaus beschließt für den Wiederaufbau einen Extra-Haushalt. Insgesamt 130.000 Erdbebenopfer leben in Notquartieren. Alle zwei Millionen Bewohner der Katastrophenprovinz Fukushima sollen sich untersuchen lassen. Nach Meldungen, dass Arbeiter zu hohen Strahlendosen ausgesetzt sind, werden sie erst jetzt regelmäßig überprüft.

August 2011

Extrem hohe Strahlungswerte am Unglücksmeiler Fukushima schüren neue Ängste. Mit mehr als zehn Sievert pro Stunde seien die höchsten Werte seit dem Tsunami gemessen worden, teilt Tepco mit. Auch der Reis in der Region könne massenhaft verseucht sein. Auch in Rindfleisch, Gemüse, Meeresfrüchte, Milch und Teeblättern waren zu hohe Strahlungswerte entdeckt worden.

Oktober 2011

Bei einem Besuch im Katastrophengebiet sagt Bundespräsident Christian Wulff Opfern und Hinterbliebenen weitere Hilfe aus Deutschland zu. Auch sieben Monate nach Erdbeben, Tsunami und Atomunfall leben noch Tausende in Behelfswohnsiedlungen. Anfang November berichtet der Betreiber von einer neuerlichen Kernspaltung in Reaktor 2 der Atomruine von Fukushima.

Bilanz der Katastrophe

Erdbeben, Tsunami und die daraus folgende Atomkatastrophe von Fukushima kosteten im Frühjahr 2011 etwa 16.000 Menschen das Leben, 4000 gelten noch als vermisst.

Die Energieversorger reagieren sehr unterschiedlich auf die beschleunigte Energiewende. Während sich Eon-Chef Johannes Teyssen und EnBW-Vorstand Hans-Peter Villis ihrem Schicksal ergeben, wehrt sich der RWE-Chef Jürgen Großmann vehement gegen den Wandel. Auf den Vorwurf, damit verhalte er sich wie ein Dinosaurier, erwidert er trotzig: „Die Dinosaurier haben 164 Millionen Jahre die Welt regiert.“ Mit den Herausforderungen der Energiewende muss er sich zumindest ab kommenden Juli nicht mehr auseinandersetzen. Dann übernimmt sein Nachfolger Peter Terium den Vorstandsvorsitz bei RWE - ein paar Wochen früher als geplant.

Es hilft nichts, der Atomausstieg ist beschlossene Sache. Auf die Konzerne kommen große Schwierigkeiten zu, sie sind ungenügend auf die Umstellung auf erneuerbare Energien vorbereitet.

So beträgt der Anteil von erneuerbaren Energien an der gesamten Stromerzeugung bei RWE derzeit gerade einmal vier Prozent, mit Kernspaltung gewinnt der Konzern hingegen 18 Prozent seines selbst erzeugten Stroms. Den größten Anteil hat mit 37 Prozent am Energiemix immer noch die Kohle, die ist aber wegen der steigenden Abgaben für Verschmutzungsrechte keine gute Alternative zur Kernkraft für die Energieversorger. Bei der Konkurrenz sieht es ähnlich aus: Eon hat aktuell einen Atomkraftanteil von 23 Prozent beim selbst erzeugten Strom. Nur zwölf Prozent seines Stroms gewinnt das Unternehmen aus erneuerbaren Energien. Die beiden Stromriesen weisen nicht gesondert aus, wie groß der Anteil der einzelnen Erzeugungsarten am gesamten Stromabsatz ist.

Der Konkurrent EnBW dagegen informiert auch über die Zusammensetzung des gesamten abgesetzten Stroms - also nicht nur des selbst erzeugten. 42 Prozent des Mixes besteht demnach aus Atomstrom, 20 Prozent aus erneuerbaren Energien. Bis 2020 will das Unternehmen seine jetzige installierte Leistung im Bereich erneuerbare Energien rund verdoppeln.

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