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02.05.2003

13:30 Uhr

Rückgang der Geschäftstätigkeit

Talfahrt der deutschen Industrie beschleunigt

Die deutsche Industrie hat bei ihren Geschäften im April überraschend den größten Rückschlag seit über einem Jahr hinnehmen müssen. Der Reuters-Einkaufsmanagerindex (EMI) sank auf 45,9 von 47,8 Zählern im März. Analysten befürchten nun, dass die erhoffte Wirtschaftserholung weiter in die Ferne rückt.

Reuters BERLIN. Die rund 400 befragten Unternehmen hätten von einem deutlichen Auftragsrückgang und geringerer Produktion berichtet, teilte die Forschungsgruppe NTC, die den Index für Reuters ermittelt, am Freitag mit. Das Industrie-Barometer signalisiert mit einem Wert von unter 50 Punkten zum neunten Mal in Folge einen Rückgang der Geschäftstätigkeit. Die Schwäche der deutschen Industrie spiegelte sich in der gesamten Euro-Zone wider: Mit 47,8 Zählern rutschte der EMI für das Währungsgebiet ebenfalls auf den tiefsten Stand seit Januar 2002.

Keine Erholung nach Kriegsende erkennbar

Die meisten Experten hatten darauf gesetzt, dass sich mit dem Ende des Kriegs im Irak die Stimmung in der Wirtschaft etwas verbessern würde. Der Einkaufsmanagerindex bietet hierfür jedoch laut NTC keinerlei Hinweis: "Die Daten legen nahe, dass keine direkte Wachstumserholung in Folge des unerwartet frühen Kriegsendes erkennbar war." Auch der Ifo-Index hatte zuletzt insbesondere für die Industrie überraschend ein schlechteres Geschäftsklima signalisiert, was Analysten vor allem auf die anhaltende Reform-Diskussion in Deutschland zurückführten. Ein kräftiges Umsatzminus des deutschen Einzelhandels im März belegte ebenfalls, dass die Binnenkonjunktur nicht vom Fleck kommt. "Die Daten sind wirklich sehr enttäuschend, damit müssen wir unsere Hoffnungen auf einen Aufschwung erstmal begraben. Alles deutet momentan darauf hin, dass es frühestens im Herbst bergauf geht", sagte Christoph Weil von der Commerzbank.

Die Aufhellung bei Stimmung und Datenlage zu Jahresbeginn könnte sich nach Ansicht von Bernd Weidensteiner von der DZ Bank als Strohfeuer entpuppen: "Es besteht die Gefahr, dass wir nun in eine rezessive Entwicklung zurückrutschen." Auch die US-Wirtschaft - auf die viele Experten als Konjunkturlokomotive setzen - zeigte zuletzt wieder Anzeichen von Schwäche. So war der US-Einkaufsmanagerindex im April ebenfalls gesunken.

Die meisten Experten rechnen jedoch nicht mit einer neuen Rezession in Deutschland - dagegen sprächen unter anderem der gesunkene Ölpreis und die Zinssenkungen der EZB. Auch Bundesbank-Chefvolkswirt der Bundesbank Hermann Remsperger sagte, mit dem Ende des Krieges habe sich die Gefahr eines neuen Abschwungs in der Euro-Zone verringert. Allerdings müsse man wohl eher mit einer Erholung als mit einem Aufschwung rechnen.

Hoher Euro-Kurs belastet Exporte

Neben der schwachen Binnenkonjunktur bereitete im April den Unternehmen auch die Auslandsnachfrage Sorgen. Der starke Euro verschärfte die Lage NTC zufolge, da dadurch viele deutsche Industriegüter außerhalb der Euro-Zone Wettbewerbsvorteile einbüßten. Der Index für den Auftragseingang sackte mit 43,9 Punkten auf den schwächsten Wert seit Dezember 2001 ab. Erstmals seit Januar produzierte die Industrie weniger als im Vormonat. "Der weiterhin hohe Druck auf die Gewinnspannen und die schwache Auftragslage machten im April erneut Kostensenkungen notwendig", schrieb NTC. Mit unvermindertem Tempo setzte sich der Personalabbau in der Industrie fort.

Geschäfte in der gesamten Euro-Zone schwächer

Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Irland produzierte die Branche NTC zufolge weniger, während die Produktion in Frankreich, Italien, Spanien, den Niederlanden und Griechenland annähernd stagnierte. Lediglich die österreichische Industrie habe einen nennenswerten Produktionsanstieg gemeldet, teilte NTC mit. Ein erneuter Rückgang der Neuaufträge habe im Währungsgebiet zu volleren Lagern bei den Industrieunternehmen geführt. Angesichts der eingeschränkten Produktion und der rückläufigen Aufträge hätten die Unternehmen weniger Material eingekauft und weiter Stellen abgebaut.

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