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17.01.2002

19:57 Uhr

Rückkehrer Volker Zerbe soll die Handball-Nationalmannschaft mindestens ins EM-Halbfinale führen

Der Porsche verlässt endlich die Feldwege

VonARNULF BECKMANN (Münster)

Aufgeschaut haben sie zu ihm schon immer - zwangsläufig. Schließlich misst der Lange vom TBV Lemgo 2,11 Meter. Volker Zerbe ist Handballer, und seine Körpergröße war ihm in seiner Karriere durchaus hilfreich. Ganz abgesehen davon, dass gute Linkshänder in der Bundesliga immer gefragt sind. Doch an dem 33-jährigen Ausnahmeathleten scheiden sich seit jeher auch die Geister. Der häufigste Vorwurf: Einer wie er, der mit allem ausgestattet ist, um auch sportlich ein ganz Großer zu werden, mache zu wenig aus seinen Möglichkeiten.

Zu kraftlos, psychisch instabil und zu wenig stressresistent sei er. Das passt so gar nicht in das Bild des kraftstrotzenden Rückraumspielers. Zerbe sei "wie jemand, der mit einem Porsche nur über Feldwege fährt", hat einer seiner Trainer einmal gesagt.

Immer, wenn die Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) in den letzten Jahren sportliche Tiefschläge einstecken musste, war der lange Schlacks daran beteiligt. 1989, als Zerbe unter Trainer Petre Ivanescu den bitteren Abstieg in die internationale Drittklassigkeit miterlebte, oder 1996 in Atlanta. Auch von den Olympischen Spielen in Sydney, wo er zum vorerst letzten Mal das Nationaltrikot übergestreift hatte, kehrte er mit leeren Händen zurück.

Als Deutschlands Handballer bei der EM 1998 Bronze holten - die erste Medaille seit 14 Jahren - gönnte sich der Lange gerade eine Länderspielpause. Mit Zerbe, der sich selbst schon als "Seuchenvogel der DHB-Auswahl" bezeichnet hatte, holte die deutsche Mannschaft nie Edelmetall. "Es gab", sagt der Linkshänder, "in all den Jahren viel berechtigte Kritik an meinen spielerischen Leistungen."

Darum muss die Frage erlaubt sein, warum ausgerechnet der 33-Jährige jetzt die spielerisch verwaiste Position im rechten Rückraum wieder beleben soll. Zerbe werde er notfalls persönlich zur Europameisterschaft in Schweden (25. Januar bis 3. Februar) tragen, hatte Bundestrainer Heiner Brand schon vor Wochen erklärt und angefügt: "Und wer den Zustand meines Rückens kennt, weiß, was das bedeutet."

Bei den beiden Testspielen, die bis zur EM noch anstehen (am Freitag in Nordhorn gegen Russland und Sonntag in Flensburg gegen Dänemark), hat der Lange nur wenig Gelegenheit, sich nach fast eineinhalb Jahren Länderspielpause wieder ins Nationalteam einzufinden. Denn obwohl die anderen EM-Kandidaten bereits seit dem 2. Januar kräftig an ihrer Form feilen, durfte sich Zerbe auf den Kanaren erst einmal die Bundesliga-Hinrunde aus den Knochen schütteln.

Für ein Comeback im Nationaldress gibt es nach Zerbes Auffassung gute Gründe: "Ich bin lange nicht mehr so launisch wie früher", sagt er. Tatsächlich ist er mittlerweile zu einem Führungsspieler gereift, der mit den Vorurteilen der Vergangenheit aufgeräumt hat. Er kommt nicht unbequem daher wie beispielsweise Stefan Effenberg, sondern selbstbewusst im Umgang mit anderen und mit sich selbst. Harte Worte, wenn er doch mal wieder schlecht gespielt hat, kann er mittlerweile locker wegstecken. Die Kritik der vermeintlichen Experten, die über seine mangelnde Wurfeffizienz und hohe Fehlerquoten dozieren, prallen von ihm ab. "Ich weiß, wo ich stehe", betont Zerbe, "und kann mich realistisch einschätzen."

So gesehen stört es ihn nicht mehr, als Handballer viele Jahre missverstanden worden zu sein. Volker Zerbe spielt halt, wie er lebt. Der Mann, der trotz vieler Angebote aus der spanischen Liga seine ostwestfälische Heimat nicht verlassen wollte, sucht den Abschluss nicht um jeden Preis. Er versteht sich mehr als Spielmacher denn als Torjäger. Nach den in vielen anderen Sportarten üblichen Skandalen sucht man bei ihm vergebens, was allerdings auch ein Grund dafür ist, dass er nie zum Medienstar taugte.

Jetzt kann Zerbe seinen 248 Länderspielen noch ein paar hinzufügen - und vielleicht doch noch eine Medaille gewinnen. Die EM-Gegner trauen der deutschen Auswahl vor allem wegen der Nominierung Zerbes mindestens das Halbfinale zu. In einem Punkt allerdings blieb alles beim Alten: Im Trainingscamp des Teams musste der Lange feststellen, dass die Betten immer noch viel zu kurz für ihn sind.

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