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07.04.2003

08:24 Uhr

Rüstungsfirmen profitieren nur kurzfristig vom Golfkrieg

Verkaufen, wenn die Kanonen donnern

Es gibt sie, die Kriegsgewinnler. Vor allem die US-Rüstungskonzerne können sich, je länger der Krieg dauert, über eine Sonderkonjunktur freuen. Ob aber die Aktien der Branche großes Potenzial haben, halten einige Analysten für fraglich. An den Aussichten der europäischen Hersteller ändert der Irak-Konflikt voraussichtlich nichts.

DÜSSELDORF. Zu den Unternehmen, die infolge des Irak-Kriegs kurzfristig auf der Gewinnerseite stehen, zählt auf jeden Fall Raytheon, der Hersteller der Tomahawk Marschflugkörper. Der Bestand dieser Waffen bei der US-Marine ist den; allein in den ersten zwölf Tagen des Konflikts wurden nach US-Angaben 740 Tomahawks abgefeuert.

Raytheon soll nun die Produktionskapazitäten für die Marschflugkörper, die bis zu 650 000 Euro pro Stück kosten, von 456 auf 600 jährlich erhöhen. Die US-Marine will in den kommenden fünf Jahren weit über 1 000 neue Tomahawks kaufen. Analysten erwarten, dass die Aufträge nun zügig erteilt werden.

Auch Alliant Techsystems wird davon profitieren können, wenn die US-Armee ihre Lager wieder auffüllt: Der Konzern baut Raketenmotoren. Ähnlich positiv sehen Analysten wie Ben Moores von Frost & Sullivan die Geschäfte bei United Defence. Das Unternehmen stellt "nichtintelligente" Munition her, ein Verbrauchsgut, von dem umso mehr nachgekauft werden muss, je heftiger sich die Iraker wehren. Doch United Defence kann nicht nur "Low-Tech": "Das Unternehmen hat sein Portfolio gut ausgebaut", so Moores.

So wie während des Golfkriegs 1991 beobachten Rüstungsfirmen und Verteidigungsministerien sehr genau den Verlauf des Konflikts. Die Einschläge der irakischen Scud-Raketen hatten damals international Milliarden-Ausgaben für die Raketenabwehr nach sich gezogen. Heute liegt das Augenmerk vor allem auf dem Erfolg der Vernetzung von Waffensystemen - als Spezialist gilt hier Northrop Grumman.

Wenn es zu einem blutigen Häuserkampf kommt, rücken dagegen der Schutz und die Ausrüstung der einzelnen Soldaten in den Fokus. "Die sind insgesamt bei der technischen Entwicklung der letzten Jahre zu kurz gekommen", meint Moores. Daher sei nun in vielen Armeen mit Programmen für die künftigen "Robo-Trooper" zu rechnen. Davon profitiert hat bereits der französische Thales-Konzern, der vor kurzem einen 2,4 Mrd. Euro schweren Auftrag zur Modernisierung der Ausrüstung britischer Soldaten erhalten hat.

Auch beim amerikanischen Unternehmen L Communications-3 dürften nach dem Irakkrieg einige neue Aufträge eingehen, schätzt Steven Artuso von Pittsburg Research. L-3 hat sich auf hochgesicherte Kommunikationssysteme spezialisiert und produziert viele Ersatzteile und Subkomponenten für militärische Güter, die als Verbrauchsmaterialien gelten. Das Unternehmen hat nur einen Nachteil, so Artuso: "Es ist hoch verschuldet."

So laut die Kassen bei einigen Herstellern nach dem Ende des Krieges klingeln mögen, ihre Aktienkurse werden nicht unbedingt zu einem Höhenflug ansetzen. Seit Beginn des Konflikts haben sich die Kurse zwar erholt, "wenn er leger wieder an anderen Branchen orientieren", schätzt Artuso. "Die Rüstungsaktien werden in den Keller purzeln", meint auch Moores von Frost & Sullivan. Dann nämlich schauen viele Investoren wieder schärfer dürfte dann Skepsis gedeihen: Der Konzern musste seine Erwartungen für 2003 deutlich nach unten revidieren, weil die Kosten für Pensionen kräftig steigen.

Das technikfixierte Pentagon, der größte Rüstungskunde der Welt, neigt zudem dazu, nicht alle verschossenen Produkte beim gleichen Hersteller wieder nachzukaufen, sondern nutzt den Leerstand, um die Lager mit Neuentwicklungen zu bestücken. Bis diese Systeme dann so weit sind, dass sie den Unternehmen gute Margen bescheren, kann es aber einige Jahre dauern.

"Bis 2006 wird wohl jedes Rüstungsunternehmen, das so wie Boeing oder General Dynamics auch ein großes Engagement in der zivilen Luftfahrt hat, Einbußen erleiden", schätzt Moores. Der Krieg helfe der Branche daher nicht notwendigerweise. Die Analysten fürchten flikts, wenn er in einer langfristigen starken Präsenz der USA im Irak mündet, deren Haushaltsdefizit nach oben treiben und Ausgaben für neue Projekte schmälern werden.

Vor allem die europäischen Werte wie EADS oder BAE Systems stimmen Analysten wie Viktor Hund von der BW Bank skeptisch: Die europäischen Armeen hätten zwar in der Ausrüstung großen Nachholbedarf, aber die Defizit-Probleme der Regierungen ließen keinen Geldsegen für Rüstungsprogramme erwarten.

Das Branchenschwergewicht BAE Systems doktert zudem an hausgemachten Problemen und hat die Kosten nicht im Griff. "Die Phantasie bei den europäischen Aktien kann daher nur von der weiteren Konsolidierung der Branche kommen", so Hund.

Quelle: Handelsblatt

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