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19.01.2001

19:07 Uhr

Rüstungskonzerne Rheinmetall und EADS räumen Test ein

Versuche mit Uran-Munition bestätigt

In Deutschland hat es in den 70er und 80er Jahren zahlreiche Vorfälle mit Uran-Munition gegeben. Den US-Streitkräften in Deutschland unterliefen nach heutigem Kenntnisstand ungewollt mehrere Zwischenfälle. USA: Keine Informationen über Uranmunition zurückgehalten

dpa BERLIN. In Deutschland hat es in den 70er und 80er Jahren zahlreiche Vorfälle mit Uran-Munition gegeben. Den US-Streitkräften in Deutschland unterliefen nach heutigem Kenntnisstand ungewollt mehrere Zwischenfälle. Der Düsseldorfer Konzern Rheinmetall sowie der Raumfahrt- und Rüstungskonzern EADS in München bestätigten Versuche mit der Munition in den 70er Jahren. Das Schwermetall Uran ist giftig und leicht radioaktiv.

Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) verlas am Freitag im Bundestag überraschend eine Liste aus dem Hauptquartier der amerikanischen Landstreitkräfte in Europa (Heidelberg), wonach es insgesamt neun Vorfälle mit der Munition in Bayern, Hessen und Niedersachsen gab. Das Hauptquartier überprüfe, ob und in welchem Umfang Uran-Munition eine Rolle spielte. Es sei aber davon auszugehen, dass es zu irrtümlichem Verschuss und zu Bränden von Kampfpanzern gekommen sei, die mit der Munition beladen waren.

Rheinmetall bestätigt Tests von Uran-Munition in Niedersachsen

Der Elektronik- und Rüstungskonzern Rheinmetall bestätigte, "im Auftrag und in Abstimmung mit den Behörden und Ämtern" im niedersächsischen Unterlüß (Landkreis Celle) auf einem firmeneigenen Gelände Uran-Munition zu Testzwecken verschossen zu haben. Die dortigen Behörden klären jetzt, ob das genehmigt war. Der Einsatz von mehr als drei Kilogramm Uran ist genehmigungspflichtig. Rheinmetall sagte, die Zahl der Schüsse belaufe sich eher auf zehn als auf 99. Als Ergebnis habe man sich gegen Uran-Munition entschieden.

EADS bestätigte Versuche mit Uran-Munition in Schrobenhausen. Die Rüstungsfirma Messerschmidt-Bölkow-Blohm habe Rheinmetall dort einen Schießplatz für eine einmalige Versuchsreihe zur Verfügung gestellt. Die Versuche waren nach Angaben des Landesumweltministeriums genehmigt. Die Rückstände seien ordnungsgemäß beseitigt gewesen.

WHO schickt Expertenteam in das Kosovo

Die Weltgesundheitsorganisation schickt an diesem Montag ein Expertenteam in das Kosovo, um Gesundheitsrisiken durch die von der NATO verwendete Uran-Munition zu prüfen. Ähnliche Untersuchungen solle es ab sofort auch im Irak geben.

Nach den US-Informationen nannte Scharping Vorfälle mit Uran- Munition 1981 in Fulda, 1982 in Lampertheim (beides Hessen), 1985 in Garlstedt (Niedersachsen), 1985 in Schweinfurt, 1986 sowie die bereits bekannten 1988 in Grafenwöhr, Gollhofen und Ober Altertheim und darüber hinaus 1990 in Wildflecken (alles Bayern). In sechs Fällen seien Kampfpanzer vermutlich mit uranhaltigen Gefechtsmunition an Bord ausgebrannt. In drei Fällen sei die Munition verschossen worden. Die Union könne diese Fakten nun mit den Antworten der unionsgeführten Bundesregierung von 1995 und 1997 konfrontieren.

Auf Anfrage eines SPD-Abgeordneten hatte 1995 das damalige CDU - geführte Verteidigungsministerium geantwortet: "Nach Erkenntnissen der Bundesregierung haben die in Deutschland stationierten US- Streitkräfte DU-Munition im Bestand. Ein Verschuss zu Übungszwecken ist in Deutschland mangels geeigneter Übungseinrichtungen nicht möglich und daher untersagt." In einer Antwort von 1997 hieß es auf die Frage, an welchen Standorten die US-Streitkräfte die Munition im Bestand hätten und für welche Waffensysteme: "Mit Rücksicht auf Geheimhaltungserfordernisse sieht sich die Bundesregierung zu einer Beantwortung dieser Frage nicht in der Lage."

CDU: Scharping verursacht "diplomatische Flurschäden"

Die CDU im Bundestag warf Scharping "Dramatisierung" vor. Scharping versuche mit Hinweisen auf die Vorgängerregierung vom eigenen Fehlverhalten abzulenken. Natürlich wolle auch die Union Aufklärung. Sie habe Scharpings neue Informationen vorher nicht gehabt. Der Minister versuche, die USA in die Rolle des Buhmanns zu drängen und verursache damit einen "diplomatischen Flurschaden".

Das Hauptquartier in Heidelberg bestätigte offiziell nur drei Zwischenfälle. Bis zum Ende des Kalten Kriegs habe die so genannte DU-Munition zur Standardbestückung der US-Panzer gehört, sagte Sprecherin Elke Herberger. Bei dem ersten Zwischenfall sei am 28. Februar 1985 in Schweinfurt ein Panzer mit DU-Munition wegen eines Kurzschlusses in Brand geraten. Ein ähnlicher Vorfall habe sich am 20. September 1988 in Gollhofen ereignet, als ein Panzer wegen einer undichten Benzinleitung Feuer gefangen habe. In Grafenwöhr sei entweder 1986 oder 1987 versehentlich ein Schuss DU-Munition und nicht die vorgesehene Übungsmunition abgefeuert worden.

Das bayerische Landesamt für Umweltschutz hatte am Freitag - zwölf Jahre nach dem Panzerbrand in Gollhofen und Ober Altertheim - keine erhöhte Strahlung festgestellt. Nähere Aufschlüsse könnte es durch die Auswertung der Bodenproben geben.

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