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15.02.2002

15:26 Uhr

Russen sehen sich zu Recht vorne

IOC verspricht Klärung des Preisrichter-Skandals

Der Präsident der Internationalen Eislauf- Union (ISU), Ottavio Cinquanta, hat eine schnelle Klärung im Preisrichter-Skandal zugesichert. Die ursprünglich für den kommenden Montag angekündigte Vorstandssitzung sei angesichts der Entwicklung in der Affäre um die olympische Paarlauf-Entscheidung zu spät, sagte der Italiener: "Wir müssen uns beeilen." Zwei Ex-Stars der Eislauf-Szene glauben indes fest an Bestechung im Eiskunstlauf.

Die Bewertung ihrer Kür sorgt für einen Olympia-Skandal: das russiches Eislaufpaar Elena Bereschnaja und Anton Sicharulidse. Foto: dpa

Die Bewertung ihrer Kür sorgt für einen Olympia-Skandal: das russiches Eislaufpaar Elena Bereschnaja und Anton Sicharulidse. Foto: dpa

HB/sid/dpa PARISMÜNCHEN. Die Stunde der Entscheidung scheint im olympischen Paarlauf-Skandal von Salt Lake City in der Nacht zum Samstag zu schlagen. Zumindest deuteten alle Zeichen auf ein Einlenken des Eislauf-Weltverbandes ISU bis zu diesem Zeitpunkt hin, nachdem das Internationale Olympische Komitee (IOC) seinen Druck vor und hinter den Kulissen massiv erhöht hatte. Es geht um die Frage, ob Kampfrichter ihren Olympischen Eid gebrochen haben. Nur dann könnte das IOC selbst eingreifen. Was man allerdings möglichst vermeiden will.

"Bei allem Respekt vor der Autonomie eines Fachverbandes", so IOC-Vize Thomas Bach, "haben wir der ISU den freundschaftlichen Rat gegeben, die Affäre spätestens bis zum Beginn des Eistanzes (ab Freitag 23.45 Uhr MEZ) abzuschließen." Und dann legte Bach bei aller diplomatischen Höflichkeit nach: "Es war ein nachdrücklicher Rat. Es geht um die Glaubwürdigkeit des Sports. Die Athleten müssen den Punktrichtern vertrauen können, wenn sie an den Start gehen."

Französische Verband dementiert Anschuldigungen in Richtunge seiner Punktrichterin

Der kanadische Eislauf-Verband hatte wegen der angeblichen Benachteiligung seines Paares Jamie Sale/David Pelletier gegenüber den russischen Goldmedaillen-Gewinnern Elena Bereschnaja/Anton Sicharulidse eine Untersuchung gefordert. Carrard verweigerte jede Antwort auf die Frage, ob den kanadischen Silbermedaillen-Gewinnern nachträglich eine zweite Goldmedaille verliehen werden könnte. Der IOC-Generaldirektor wies auf die Autonomie der ISU bei der Untersuchung des Falles hin, bei dem es möglicherweise um Absprachen zwischen Preisrichtern geht.

Angeblich soll die französische Preisrichterin, die den Ausschlag gab, auf Druck von außen für die Russen gestimmt haben. Der französische Verband dementierte jedoch Anschuldigungen in Richtung seiner Punktrichterin. "Ich weiß nicht, was passiert ist", sagte die deutsche Jurorin Sissy Krick (München), die zu Gunsten der Kanadier gewertet hatte. Nach eigenen Angaben wurde an sie noch nie ein Anliegen herangetragen, für ein bestimmtes Paar zu stimmen.

Candelero: "Absprachen sind békannt und nichts Neues"

Ehemalige Eiskunstlauf-Stars warfen Preisrichtern derweil offen Bestechlichkeit vor. Der französische Eiskunstläufer Philippe Candeloro bezeichnete mit Blick auf die Affäre um die Paarlaufentscheidung Absprachen beim Eiskunstlauf als "bekannt" und "nichts Neues" bezeichnet. Ähnlich äußerte sich die deutsche Ex-Meisterin Tanja Szewczenko. "Ich kann mir vorstellen, dass die Russen versucht haben, gezielt Einfluss auf die französische Preisrichterin zu nehmen", erklärte die Düsseldorferin bei Premiere World, "besonders bei Olympia wird hinter den Kulissen unglaublich viel versucht. Es wird sogar Geld gezahlt, wenn es sein muss." Candeloro, Olympia-Dritter von Nagano, sagte der französischen Zeitung "France Soir": "Alle Länder machen das. Es gibt Mauscheleien und Absprachen. Wenn Frankreich das nicht täte, gäbe es keine Medaillen. Das ist das Gesetz des Eislaufs."

"Der russische Verband hat sehr viel Macht im Eiskunstlaufbereich. Es wäre nicht das erste Mal, das so etwas vorkommt", behauptet Szewczenko. "Früher haben die Russen mit Kaviar bezahlt, heute mit Dollar. Wobei ich das im konkreten Fall eher weniger annehme."

Szewczenko, die ihre Karriere nach einer Serie von Verletzungen im vergangenen Jahr beendet hatte und zuletzt als Showtänzerin arbeitete, berichtet von einer eigenen Erfahrung bei der EM 1998 in Mailand, als sie nach der Kurzkür Erste war. "Nur bei einem Sieg der Russin und einem dritten Platz von mir in der Kür, wäre meine Konkurrentin vor mir gelandet", erzählte sie. "Genauso ist es gekommen. Damals hat eine tschechische Preisrichterin von den Russen Geld genommen."

Russisches Paar sieht sich zurecht mit Gold dekoriert

Die umstrittenen Eiskunstlauf-Olympiasieger im Paarlauf, Elena Bereschnaja und Anton Sicharulidse, fühlen sich derweil zu Recht mit Gold dekoriert. "Wir finden, dass wir diese Medaille verdient haben", sagten die Russen in ihrer ersten öffentlichen Stellungnahme seit der Pressekonferenz nach dem Wettbewerb. "Vieles in unserem Programm war besser als bei Jamie und David", fügte Sicharulidse am Donnerstagabend im Gespräch mit dem CNN-Moderator Larry King hinzu. "Ich fühle mich wie ein olympischer Champion."

Sicharulidse räumte ein, dass er einen Sprung nicht richtig gestanden hatte. Deshalb hätten die Preisrichter die Kanadier technisch auch höher bewertet. Ausschlaggebend sei aber die künstlichere Note gewesen. "Ich weiß nicht, warum es so einen riesigen Skandal um nichts gibt", sagte er. Sicharulidse bezeichnete die Kanadier als "großartige Eisläufer und großartige Konkurrenten".

Bereschnaja hat nach eigenen Angaben noch nicht mit den Silbermedaillengewinnern gesprochen. "Einer muss gewinnen, einer verlieren. Das sind die Regeln. Wenn man das nicht akzeptiert, ist man nicht stark genug", sagte die Eisläuferin.

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