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18.01.2002

11:31 Uhr

Russische IT-Unternehmen kämpfen um Vertrauen

Taiga-Software

VonMathias Brüggmann

Das sibirische Akademgorodok gilt als russisches Silicon Valley. Doch ohne westlichen Partner ist der Eintritt in den Weltmarkt kaum zu schaffen

DÜSSELDORF. Angefangen hat alles mit einem alten Computer und einer tiefen Leidenschaft: "Diese Krankheit habe ich vor zwölf Jahren bekommen, in der Schule", erinnert sich Konstantin Nikulin an seine Liebe zum Computer. Seine Eltern hatten damals eine "alte Kiste", die zu der Zeit noch als schick galt. "Dann habe ich an einem zu Sowjetzeiten geheim gehaltenen Institut für Raumfahrt studiert, später wurde ich Hauptprogrammierer beim Gasgiganten Gazprom." Aus dem ersten Rechner sind inzwischen zwei Firmen geworden - die Oxxo Media in Kaliningrad, Russlands Exklave an der Ostsee, und die Intenium GmbH in Hamburg.

Dreizehn Programmierer sitzen heute in einem Kaliningrader Einfamilienhaus und hacken in ihre Tastaturen. Firmenchef Nikulin ist nur selten da - "die Hälfte meiner Zeit verbringe ich in Hamburg", erzählt der 31-Jährige. Dort hat er mit der IT-Veteranin Sabine Neuber die Firma Intenium gegründet, über die er die Software vertreibt. Nikulin setzt primär auf selbst ausgearbeitete Projekte, die er Industriekunden für Internet-Auftritte anbietet. Aber auch auf klassische Auftragsprogrammierung wie zum Beispiel Projekte für den deutschen Moorhuhn-Erfinder Phenomedia oder den Musical-Veranstalter Stella.

Die Arbeitsteilung zwischen Oxxo und Intenium - die Ostsee-Dependence entwickelt die Software, die Elbe-Firma sucht Kunden, organisiert Werbung und Vertrieb - hat pragmatische Gründe: "Unsere meist deutschen Kunden wollen auch mit einer deutschen Firma als Partner verhandeln. Russische Unternehmen haben es schwer", sagt Mehrheitsgesellschafter Nikulin.

1996 hatte Nikulin mit Studienfreunden in der Heimat angefangen, schon ein Jahr später wagte er sich zu ersten Geschäftskontakten an die Elbe - ermutigt durch den in Kaliningrad sitzenden Vertreter der hanseatischen Handelskammer. Finanzielle Hilfe aus Deutschland erwartet der junge Russe nicht: "Der Aufwand Fördergelder einzuwerben ist gigantisch. Da verdienen wir das benötigte Kapital einfacher selbst." Hilfe für russische IT-Firmenchefs ist in Deutschland kaum noch zu erwarten, nachdem die Web-Medienagenturen im Zuge der Dotcom-Krise weitgehend zusammengebrochen sind.

Trotzdem: Russische IT-Firmen können den Gang in den Westen kaum vermeiden. Meist führt dieser allerdings nicht nach Deutschland, sondern in die USA. Trotz Globalisierung - die Devise der russischen Newcomer heißt: Nähe zum Kunden. Entsprechend hat es Alexej Sucharew nach Amherst in den US-Bundesstaat New Hampshire verschlagen. Gut 20 Jahre war Sucharew Professor für Numerik an der Moskauer Staats-Universität - bis es ihn Ende der 80er Jahre in der turbulenten Gorbatschow-Perestrojka-Ära in die Privatwirtschaft zog. Seit 1993 hat er mit Auriga Inc. eine eigene Firma mit heute170 Mitarbeitern - 110 in Moskau, 60 in den Staaten. Offshore-Programmierung heißt das Zauberwort, also Software-Auftragsarbeiten aus dem Ausland, die in Russland durch erfahrene Computerexperten erledigt werden.

Dass Sucharew auch in Amerika die Leitung innehat, ist eher eine Ausnahme: Oft heuern russische Gründer für ihre US-Töchter Amerikaner als Führungsfiguren an. Vertrauen, lautet das Stichwort: Westliche Konzerne wollten mit westlichen Unternehmen zu tun haben, wenn sie nach Lösungen für ihre Software-Probleme suchten.

Das gilt auch für die Finanzierung: Russland gelte als korruptes, hinterwäldlerisches Land, berichten viele russische IT-Gründer. Nur die US-Tochter eröffne die Chance einer Venture-Capital-Beteiligung.

Doch es gibt auch Ausnahmen: Zwar gibt der russische Kapitalmarkt für junge IT-Firmen trotz eines Wachstums-Segments an der St.Petersburger Börse seit 1999 kaum etwas her - und kein einziger Börsengang einer IT-Firma ist in Russland bislang geglückt. Doch dafür investieren russische Rohstoffriesen derzeit in Internet-, Telekom - und Software-Firmen.

Jurij Sokow, der mit seiner Firma Vista-Technologies Übersetzungs-Software programmiert, profitiert davon. Ein russischer Metallhändler beteiligte sich, nachdem Verhandlungen mit Brunswick UBS Warburg und Mint Capital, einer Boeing-Tochter, scheiterten. "Wir brauchen zudem von einem Investor mehr als einfach nur Geld", so Sokow. "Diese Unterstützung bekommt man nur bei Russen."

Der Umsatz mit Software-Exporten ist noch nicht besonders hoch: Bescheidene 60 bis 100 Millionen Dollar spielt Russland derzeit pro Jahr ein, meist durch Teilprogrammierung, Codierung oder Software-Tests. Doch auch Indien, heute Weltmarktführer in der Offshore-Programmentwicklung, hat vor zehn Jahren ebenso klein angefangen. Heute exportiert das Land für 6,2 Milliarden Dollar Software-Produkte, aus ehemaligen Programmier-Garagen sind international anerkannte Software-Häuser geworden. Moskau strebt eine ähnliche Entwicklung an: Seit den frühen 90ern lagern Konzerne Programmier-Aufgaben auch nach Russland aus - die Exporterlöse wachsen jährlich um 40 Prozent. Fündig werden SAP, Oracle, Motorola & Co. vor allem in Selinograd bei Moskau, einer einst für Ausländer geschlossenen Stadt mit einem Staats-Institut für Elektrotechnik, oder in Akademgorodok.

Dieses Silicon Valley in Sibirien ist eine reine Universitätsstadt, die zur Förderung der Wissenschaft von den Kommunisten bei Nowosibirsk aus dem Boden gestampft worden war. Heute schießen kleine Software-Schmieden wie Pilze aus der Taiga: Wer sich nach der Ausbildung in Akademgorodok nicht per "Green Card" nach Deutschland oder in die USA abwerben lässt, kann hier bei den zahlreichen IT-Firmen anheuern. Ken Pocek, der in der Wolgastadt Nischnij Nowgorod ein Software-Labor leitet, das für Intel programmiert, lobt die in Russland arbeitenden 5 000 bis 8 000 Programmierer: "Die technische Expertise in Russland ist exzellent." Ursache dafür sei vor allem die seit Sowjetzeiten gute Ausbildung, meint auch Steve Rabette, der als Ire mit FastNet Solutions eine Programmierfirma in Russland etabliert hat: "Inder sind hervorragende Programmierer. Aber wenn es um komplexe Problemlösungen geht, sind die Russen noch besser."

Außerdem könne man mit den Firmengründern gut arbeiten, da sie fast alle jung sind, aus der post-sowjetischen Ära entstammen und entsprechend modern denken. Für Probleme sorgen jedoch die grassierende Software-Piraterie, mangelnde Englisch-Kenntnisse und der weit verbreitete Tüftlergeist, der eine kommerzielle Umsetzung oft verlangsame.

Letzteren kann man aber auch kultivieren - wie der Usbeke Nurachmed Latypow, der mit seinem Bruder Nurulla in Moskau die Firma Virtusphere gegründet und ein weltweit beachtetes Interaktiv-Fernsehstudio entwickelt hat: "Ich bin Wissenschaftler, kein Businessman."

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