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29.01.2001

19:15 Uhr

Schneller als erwartet macht der neue Chrysler-Chef Dieter Zetsche reinen Tisch: Nicht erst Ende Februar auf der Bilanzpressekonferenz, sondern schon jetzt legt er den Sanierungsplan mit Stellenabbau und Werksschließungen vor. Zetsche stellt damit unter Beweis, dass das neue deutsche Management der US-Sparte von Daimler-Chrysler tatsächlich zupackt und das Unternehmen nicht noch tiefer in die Krise schlittern lässt. Die Produktionskapazitäten sollen um 15 Prozent sinken, 20 Prozent der Stellen abgebaut werden - das sind klare Worte aus dem Chrysler-Hauptquartier.

Doch es bleibt eine Reihe von Unsicherheiten und Unklarheiten - auch die Börse reagierte gestern mit einem Kursabschlag auf die Ankündigungen. Das größte Problem: Niemand weiß heute schon, wie stark der Einbruch auf dem US-Automobilmarkt in diesem Jahr ausfallen wird. Wenn Zetsche Pech hat, wird er 2001 noch einen zweiten Sanierungsplan vorlegen müssen.

Auf dem US-Automobilmarkt sind Angebot und Nachfrage aus dem Gleichgewicht geraten. Besonders im vergangenen Jahr haben die US-Hersteller - allen voran Chrysler - den Absatz mit Hilfe von Rabatten und Preisnachlässen künstlich hoch gehalten. Niemand kann erwarten, dass sich der amerikanische Automarkt innerhalb kurzer Zeit von seiner Schwäche erholt. Die meisten deutschen Hersteller machen nach mehreren Boomjahren gerade eine ähnliche Erfahrung auf ihrem Heimatmarkt.

Chrysler ist im Moment ein extrem unprofitables Unternehmen: Es wird im laufenden Jahr rote Zahlen schreiben. Das Programm zum Stellenabbau, das Zetsche vorgelegt hat, wird das Unternehmen kurzfristig zusätzlich belasten. Andererseits kann sich die US-Sparte von Daimler-Chrysler nicht von heute auf morgen von einem Fünftel seiner Belegschaft trennen. In der Konsequenz bedeutet das, dass Chrysler noch länger als nötig Mitarbeiter bezahlen muss, die das Unternehmen auf Grund der Marktschwäche überhaupt nicht braucht.

Die gestern verkündeten Maßnahmen können zudem nichts an den strukturellen Problemen von Chrysler ändern. Das US-Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren zum Spezialisten für Großraumlimousinen (Minivans) entwickelt. Innerhalb des Produktprogramms sind andere Fahrzeuge dadurch an den Rand gedrängt worden. Um auf längere Sicht wieder wettbewerbsfähige Pkw anbieten zu können, braucht Chrysler die Kooperation mit dem neuen japanischen Partner Mitsubishi Motors. Es werden jedoch noch Jahre vergehen, bis Chrysler und Mitsubishi in großem Stil gleiche Bauteile verwenden und auf diesem Wege Kosten sparen können.

Dieter Zetsche mag gestern von einem Aufbruch für Chrysler gesprochen haben. Damit ist aber noch nicht die Frage vom Tisch, wer eigentlich für die desolate Lage der US-Konzernsparte verantwortlich ist. Die Stuttgarter Zentrale mit Vorstandschef Jürgen Schrempp an der Spitze muss sich die Frage gefallen lassen, warum sie das Steuer bei Chrysler nicht schon früher herumgerissen hat. Zetsche hatte jetzt gerade zwei Monate Zeit dafür, die Notbremse in den USA zu ziehen. Wenn Stuttgart besser aufgepasst hätte, wäre ein derart gravierender Einschnitt nicht nötig gewesen. Hätte die Sanierung früher begonnen, hätte ein langsamer, aber weniger schmerzlicher Stellenabbau einsetzen können.

Heute, gut zwei Jahre nach dem Zusammengehen von Daimler und Chrysler drängt sich immer mehr der Eindruck auf, dass Stuttgart nicht gewusst hat, was bei Chrysler zu erwarten war. Und die Verantwortung dafür trägt Jürgen Schrempp.

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