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14.06.2000

14:05 Uhr

adn BERLIN. Die Bundestochter Treuhand Liegenschaftsgesellschaft (TLG) hat einen neuen Chef. Rückwirkend zum 1. Juni ist Volkmar von Obstfelder Vorsitzender der Geschäftsführung, der in Hamburg zuletzt für 350 Beteiligungsunternehmen zuständig war. Sein Vorgänger Thilo Sarazzin war bereits zum 1. März ins Management der Deutschen Bahn AG gewechselt, nachdem es zwischen ihm und dem Bundesfinanzministerium zu Meinungsverschiedenheiten über das künftige strategische Konzept für die Treuhand-Nachfolgegesellschaft gekommen war. Die TLG hat noch immer rund 37.000 Immobilien im Bestand, meist nicht betriebsnotwendige Objekte der ehemals volkseigenen Betriebe in Ostdeutschland. Mit dem Wechsel erfolgt auch eine Weichenstellung für die künftige TLG-Arbeit.

Im TLG-Besitz befinden sich noch durchaus attraktive Immobilien in guter Lage, aber auch viele kleine Stücke im Streubesitz. Der große Boom beim Verkauf ist aber längst vorbei. Die besten Stücke fanden schnell einen neuen Eigentümer. Die Lage auf dem ostdeutschen Immobilienmarkt, geprägt durch die Konjunkturdelle und ein Überangebot von neuen Büro- und Gewerbeflächen, drückt die Verkaufschancen. Es besteht die Gefahr, dass die TLG mehr und mehr auf kostenträchtigen Ladenhütern sitzen bleibt. Sarazzin wollte deshalb die TLG schrittweise zu einem profitablen Immobilienkonzern machen, der dann etwa 2004/2005 privatisiert werden sollte. Um seinen Wert zu steigern, sollte die TLG dann über einen Kernbestand an Wohn-, Gewerbe- und Entwicklungsimmobilien verfügen. Dazu sollte in etwa 500 eigene Entwicklungsprojekte investiert werden. Die bekanntesten Vorhaben, die im Zuge dieser Konzeption in Angriff genommen wurden, sind das Multiplex-Kino am Alexanderplatz und die Kulturbrauerei in Berlin, der Lutherhof in Halle und die Altmarkt-Passagen in Dresden, ein Joint Venture der TLG mit der ECE.

Doch solche Projekte kosten zunächst Geld, das nicht nur mit Bankkrediten zu decken ist, sondern teilweise auch selbst erwirtschaftet werden muss. Hier kollidierten die auf die Sanierung der Staatsfinanzen orientierten Interessen des Bundesfinanzministeriums mit manchen Vorstellungen in der TLG. Der Fiskus wollte auf möglichst schnelles Geld aus den Immobilienverkäufen nicht verzichten. Die Verstimmungen führten wohl dazu, dass der Vertrag von Sarazzin vom Bund nicht verlängert wurde.

Inzwischen wurde ohne große Begleitmusik der Presse zwischen Bundesfinanzministerium und Bundeskanzleramt ein Positionspapier vereinbart, das in der Kernfrage einen Kompromiss mit strategischer Auswirkung enthält. Das Finanzministerium sicherte - wohl auf Druck des Kanzleramtes - zu, künftig keine Mittel mehr aus der TLG abzuziehen. Das "Handelsblatt" berichtet, von Obstfelder soll das Eigenkapital der TLG erhalten und eine "angemessene Verzinsung" erzielen. Ende des Monats wird dem TLG-Aufsichtsrat die Bilanz 1999 präsentiert, die auch über genaue Summen Aufschluss geben dürfte.

Die TLG-Mitarbeiterzahl soll bis 2004 von derzeit 1.900 um 50-70 % abgebaut werden, Gleichzeitig sollen noch etwa 30.000 Immobilien verkauft werden sollen. Bis 2004 will Obstfelder parallel zum Verkauf einen "kleinen, aber feinen Bestand an ertragreichen Objekten" aufbauen. Unklar sei, ob dieser letztlich aus 3.800 oder 8.000 Objekten bestehen werde. Ob die TLG danach privatisiert wird, habe der Gesellschafter noch nicht entschieden und sei heute auch zweitrangig, sagte von Obstfelder. Sein Ziel sei, für beide Optionen - den baldigen Verkauf und die Investition in eigene Projekte - "einen möglichst hohen Unternehmenswert zu schaffen". Die TLG müsse sich dazu endgültig als Unternehmen und nicht mehr als Verwaltungseinrichtung verstehen. Deren Kompetenz als Immobilienentwickler stecke noch in den Anfängen.

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