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27.01.2003

09:45 Uhr

Satellit nach 18 Monaten am Ziel

Im Schleichgang durchs Weltall

Rund 18 Monate nach dem missglückten Start erreicht der europäische Nachrichtensatellit "Artemis" doch noch sein Ziel. Am 31. Januar soll er seine Position in der geostationären Umlaufbahn in 36 000 Kilometern Höhe einnehmen.

HB/dpa DARMSTADT. "Das ist mit Abstand der längste Launch (Stapellauf) in der Geschichte der Raumfahrt", sagt Projektleiter Gotthard Oppenhäuser von der europäischen Weltraumbehörde (ESA). Gerettet haben den 820 Millionen Euro teuren Himmelskörper zwei so genannte Ionentriebwerke, die an der Universität Gießen entwickelt worden sind. Bei dem Ionenrückstoßprinzip werden Atome des Edelgases Xenon elektrisch positiv geladen und dann mit hoher Geschwindigkeit aus dem Triebwerk herausgeschleudert.

Als die europäische Trägerrakete Ariane im Juli 2001 "Artemis" zu früh aussetzte, schien ihr Schicksal besiegelt. In einer Höhe von 17 500 Kilometern drohte sie, von der Erde angezogen zu werden und beim Eintritt in die Atmosphäre zu verglühen. Den Technikern gelang es, den Satelliten mit seinen Reserven an chemischem Treibstoff auf eine stabile kreisförmige Umlaufbahn in 31 000 Kilometern Höhe zu schießen. Für die Reststrecke setzten die Verantwortlichen auf die neuen Ionentriebwerke an Bord.

Diese etwa Schuhkarton-großen Triebwerke, die von dem Gießener Physik-Professor Horst Löb entwickelt wurden, sollen den Satelliten in der Umlaufbahn halten. "Die Störkräfte von Sonne und Mond müssen ständig ausgeglichen werden - sonst würde zum Beispiel ein TV- Satellit hin- und herpendeln, und man müsste beim Fernsehen dauernd die Schüssel nachdrehen", erklärt Löb. Nun sollten die kleinen elektrischen Motoren das tonnenschwere Objekt 5000 Kilometer nach oben treiben.

Dafür mussten jedoch die Flugprogramme neu geschrieben werden. "Etwa 20 Prozent mussten wir ändern, 15 000 Wörter wurden nach oben gefunkt", erzählt Oppenhäuser, "das ist die umfangreichste Neuprogrammierung von Flugsoftware, die je bei einem Nachrichtensatelliten vorgenommen wurde." Für diese Rettungsaktion hat der Projektleiter selbst seinen Ruhestand verschoben.

Acht Monate nach dem Start setzte sich "Artemis", genannt nach der griechischen Göttin der Jagd, wieder in Bewegung - allerdings ganz langsam: 15 Kilometer pro Tag. Von den vier Ionentriebwerken hatten sich bereits zwei aus englischer Produktion nach einem Kurzschluss verabschiedet. Mit Bangen beobachtete das Team, ob die deutschen Maschinen durchhalten würden. Im August fiel Triebwerk Nummer 3 aus. "Ein ganz dummer Defekt: Das Ventil für den Treibstoff öffnete sich einfach nicht mehr", erläutert Oppenhäuser. Die "Jagdgöttin" schlich daraufhin noch langsamer.

Nun rettet sich der Satellit ins Ziel. Die Kraft seiner Stabilatoren ist jedoch aufgebraucht. "Er wird in Nord-Süd-Richtung driften", erklärt der Projektleiter. "Das stellt jedoch keine Gefahr für andere Satelliten dar, und er kann auch seine Funktionen voll erfüllen." "Artemis" wird das Europäische Navigations-System (EGNOS) unterstützen sowie Daten anderer Satelliten, etwa des Umweltwächters "Envisat", zur Erde weiterleiten.

"Wir hätten den Satelliten nicht gebraucht, aber mit ihm wird vieles einfacher und billiger," sagt Oppenhäuser. Er geht davon aus, dass "Artemis" noch genug Treibstoffreserven besitzt, um zehn Jahre die Position zu halten. So hat sich für die ESA das Unglück durch die spektakuläre Rettungsaktion doch noch zum Erfolg gewendet.

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