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13.03.2003

11:14 Uhr

Schadensersatzurteil steht kurz bevor

Bayer: Zahl der Lipobay-Kläger steigt weiter

Der Chemie- und Pharmakonzern Bayer hat erstmals eingeräumt, dass mögliche Schadenersatzzahlungen im Zusammenhang mit dem zurückgezogenen Medikament Lipobay die Deckung durch Versicherungen übersteigen könnten. Nach dem Krisenjahr 2002 zeigte sich Bayer für 2003 wieder verhalten optimistisch.

Reuters LEVERKUSEN. "Sollten sich die Kläger trotz bestehender Verteidigungsargumente in erheblichem Umfang durchsetzen können, ist es möglich, dass Bayer Belastungen ausgesetzt wird, die den versicherten Bereich übersteigen", teilte Konzernchef Werner Wenning am Donnerstag bei der Bilanzvorlage mit. Die Frage nach der Bildung von Rückstellungen werde immer wieder geprüft. Zur Höhe der Versicherungsdeckung für Lipobay wollte ein Bayer-Sprecher keine Angaben machen. In den USA steht unterdessen das Urteil im ersten Schadensersatzprozess um Lipobay unmittelbar bevor. An der Börse setzte die Bayer-Aktie ihre Talfahrt fort, und auch der Kurs der Anleihen des Konzerns gab deutlich nach.

Mittlerweile lägen 8400 Lipobay-Klagen vor, wovon 4600 nahezu identisch seien. Bayer habe ohne Haftungseingeständnis bisher über 500 Vergleiche geschlossen und dafür etwa 140 Mill. Dollar bezahlt, sagte Wenning. Bislang waren 7800 Klagen und 450 Vergleiche bei Zahlungen von insgesamt 125 Mill. Dollar bekannt gewesen. Bayer gehe weiter davon aus, dass in den meisten Fällen kein Zusammenhang zwischen den geltend gemachten Beschwerden und Lipobay festgestellt werde.

Schlussplädoyers könnten am heutigen Donnerstag beginnen

Die Schlussplädoyers im ersten Prozess um Schadensersatz im texanischen Corpus Christi könnten nach Angaben vom Vortag möglicherweise noch am Donnerstag beginnen. Mittlerweile ist in den USA auch eine Aktionärsklage gegen Bayer eingereicht worden, in der dem Konzern vorgeworfen wird, gegen Vorschriften der US-Börsengesetzgebung verstoßen zu haben.

Bayer hatte den Cholesterinsenker Lipobay 2001 wegen möglicher gravierender Nebenwirkungen vom Markt genommen. Das Medikament steht im Verdacht, als Nebenwirkung Muskelschwäche mit tödlichem Ausgang verursachen zu können. Nach dem Krisenjahr 2002 zeigte sich Bayer für 2003 wieder verhalten optimistisch. Das operative Ergebnis vor Sonderposten könne voraussichtlich gesteigert werden, nachdem sich der Betriebsgewinn im Vorjahr fast halbiert hatte, bekräftigte Wenning. Voraussetzung sei aber, dass sich die derzeitigen Rahmenbedingungen nicht gravierend verschlechtern. Die Entwicklung bei Umsatz und operativem Ergebnis in den ersten zwei Monaten des Jahres sei ermutigend gewesen.

Ergebnis übertrifft Erwartungen

2002 verbuchte Bayer beim operativen Ergebnis im fortlaufenden Geschäft vor Sonderposten einen Rückgang um 46 Prozent auf 989 Millionen Euro und übertraf damit die Prognosen vieler Analysten. Auf Grund von Verkaufserlösen stieg der Konzerngewinn um zehn Prozent auf 1,1 Milliarden Euro. Der Umsatz ging im fortlaufenden Geschäft um ein Prozent auf 29 Milliarden Euro zurück. Geld in die Kasse spülte der Verkauf der Duftstofftochter Haarmann & Reimer sowie die Veräußerung der 30-prozentigen Agfa-Beteiligung. Zuletzt hatte Bayer eine konstante Dividende von 0,90 Euro je Aktie angekündigt.

Im laufenden Jahr habe die Verbesserung der Erträge und die Lösung der strategischen Fragen höchste Priorität, betonte Wenning. Zudem soll die im vergangenen Jahr auf 8,9 Milliarden Euro abgebaute Nettoverschuldung des Konzerns auf rund sieben Milliarden Euro reduziert werden. Unter der Annahme einer spätestens ab 2004 steigenden gesamtwirtschaftlichen Nachfrage werde für den Konzern bis 2006 eine operative Gewinnmarge auf Ebitda-Basis von 21 Prozent angestrebt, was Analysten als ambitioniert bezeichneten. Im vergangenen Jahr lag diese Kennziffer bei zehn Prozent.

Der Kurs der Bayer-Aktie gab am Vormittag in einem deutlich festeren Gesamtmarkt um 3,8 Prozent auf 10,15 Euro nach. Wegen der Unsicherheit über die Höhe möglicher Schadensersatzzahlungen hat die Bayer-Aktie seit Jahresanfang rund 50 Prozent ihres Wertes verloren. "Die Zahlen sind nicht so schlecht, aber das zählt im Moment wegen Lipobay nicht", sagte Michael Butscher von der Bayerischen Landesbank. Er erwartet, dass Bayer wegen der möglicherweise nicht ausreichenden Versicherungsabdeckung für eventuelle Schadensersatzzahlungen bald Rückstellungen bilden werde. Im Bayer-Kurs seien bereits einige Milliarden Euro für Schadenersatz eingepreist, ergänzte Andreas Theisen von WestLB Panmure.

Auch der Kurs von Bayer-Anleihen gab deutlich nach. Die Rendite des mit sechs Prozent verzinsten Bonds mit Laufzeit bis April 2012 ging dadurch um 28 Basispunkte nach oben und lag im frühen Handel um gut 277 Basispunkte über der Bundesanleihe mit vergleichbarer Laufzeit.

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