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07.02.2001

12:05 Uhr

Scharon-Porträt:

Wolf im Schafspelz triumphiert

Mit Ariel Scharon werden die politischen Karten im Nahen Osten neu gemischt. Für viele Araber ist der gewählte israelische Ministerpräsident schlicht ein "Kriegsverbrecher" - sie vergessen vor allem seine Rolle im Libanon-Krieg Anfang der 80er Jahre nicht.

afp JERUSALEM. Auch international gibt es Befürchtungen, dass die mühsam erreichte Annäherung zwischen Israeli und Palästinensern dahin sein könnte und nun spannungsgeladene Zeiten anbrechen. Scharons Besuch auf dem Jerusalemer Tempelberg hatte Ende September die blutigsten Unruhen seit Jahren im Nahen Osten ausgelöst. Dennoch - oder wohl eher gerade wegen seiner harten Haltung - legten die Israeli bei der Wahl des Regierungschefs am Dienstag das Schicksal des jüdischen Staates in die Hände des 72-jährigen Likud-Chefs.

Im Wahlkampf bemühte sich Scharon nach Kräften, das Bild des Kriegstreibers zu zerstreuen und setzte auf Werbespots, die ihn als Sympathieträger und Friedensengel darstellten. Mit einem kleinen Kind auf dem Arm zeigte er sich wohlwollend großväterlich; eine Frauenstimme säuselte: "Nur Scharon kann den Frieden bringen". Scharon versprach den Menschen genau das, was sie sich nach der jüngsten Gewaltwelle wünschten: "wahren Frieden" und vor allem "Sicherheit". Wie er das bewerkstelligen will, ließ der gewiefte Taktiker wohlweislich offen.

Viele wittern in ihm weiter den Wolf im Schafspelz. Denn schon seit frühester Jugend steht der Mann, der wegen seiner Körperfülle den Spitznamen "Bulldozer" trägt, für hartes Durchgreifen und militärische Stärke. Als 17-Jähriger trat er in die Armee ein und diente in ihr mehr als ein Vierteljahrhundert.

Als Landwirtschaftsminister entwarf der Ex-General vor zwanzig Jahren die Anlage der jüdischen Siedlungen im Westjordanland. Er wollte das Gebiet regelrecht zerstückeln: Autonome Palästinensergebiete sollten mit einem Netz jüdischer Siedlungen durchzogen werden.

Als Verteidigungsminister ordnete Scharon 1982 den Einmarsch in Libanon an. Eine offizielle Untersuchung gab ihm "indirekte Verantwortung" für das Massaker an mehreren hundert Palästinensern in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila; dies trug ihm bis heute den Hass der arabischen Welt ein. Auch wenn er sich plötzlich als Friedensengel gibt, wird seine Politik gegenüber den Palästinensern auf einer völlig anderen Grundlage als bei Amtsvorgänger Ehud Barak stehen: Mit der Existenz eines Palästinerstaates wird er sich wohl abfinden, aber weitere Gebietsabtretungen kommen für ihn nicht in Frage. Zentrale Streitpunkte wie der Status von Jerusalem und ein endgültiges Abkommen sollen nach seinem Willen möglichst lange vertagt werden.

Die Palästinenser stellten sich schon frühzeitig auf Scharon ein und versicherten, dass sie auch mit ihm weiterverhandeln würden. Es blieb ihnen auch nichts anderes übrig. Palästinenserpräsident Jassir Arafat ließ zugleich durchblicken, dass der Sieg Scharons für ihn eher eine "Katastrophe" bedeute, wurde er doch von dem Likud-Chef als "Mörder", "Lügner" und "Terrorist" gebrandmarkt. Ob der Friedensprozess mit Scharon weitergehen kann, wird sich erst noch zeigen müssen. Am Tag seines Wahl-Triumphes deutete der ehemalige Verteidigungsminister nicht gerade Kompromissbereitschaft an. Den Palästinensern werde nie ein Teil Jerusalems abgetreten, tönte er; ganz Jerusalem bleibe "die ewige Hauptstadt des jüdischen Volkes".



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