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14.01.2001

14:47 Uhr

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Scharping bestreitet Informationslücke bei Uran-Munition

Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) hat Vorwürfe des Bundeswehrverbandes zurückgewiesen, nach Kosovo eingerückte Bundeswehrsoldaten seien nicht über eine Gefährdung durch Uran-Munition aufgeklärt worden.

Reuters BERLIN. Scharping sagte am Sonntag im ZDF, beim Einmarsch der Bundeswehr in die Region im Sommer 1999 sei auf die Möglichkeit von schwacher Strahlung hingewiesen worden. Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, sagte, es sei "definitiv falsch", wenn der Minister behaupte, das erste Kontingent sei in der Ausbildung auf Uran-Munition vorbereitet worden. Scharping bestätigte einen Bericht, wonach die Bundeswehr eine hohe rate von Krebserkrankungen bei Radartechnikern untersucht.

Scharping sagte, er habe bereits ab Mai 1999 regelmäßig Parlament und Öffentlichkeit über den Einsatz von Uran-Munition im Kosovo informiert. Als einiziger Verteidigungsminister in der NATO habe er zudem frühzeitig Untersuchungen über eine mögliche Gefährdung der Soldaten durch die Munition veranlasst. Alle Wissenschaftler hätten ihm bestätigt: "Es gibt kein merkliches Risiko durch Strahlung." Mit Rücksicht auf die dauerhaft in dem Gebiet lebende Bevölkerung müssten aber die Auswirkungen von Uran-Munition als Schwermetall untersucht werden.

In der Medizin werde abgereichertes Uran als Schutz vor gefährlichen Strahlen eingesetzt, sagte Scharping. Er beobachte ein "Hysteriesyndrom" in der Öffentlichkeit. Er werde auch weiter "öffentlich alles auf den Tisch legen". Es werde versucht, "die politische Legitimität eines Bündnisses und seines Eintretens für Freiheit und Sicherheit dadurch zu untergraben, dass man solche Debatten entzündet, die einen geringen sachlichen Kern haben, aber eine hohe emotionale Wirkung". Es gebe erkennbar keinen Zusammenhang zwischen Krebserkrankungen in der Bundeswehr und dem Einsatz im Kosovo.

Scharping hatte schon vergangenen Mitwoch von Hysterie im Zusammenhang mit der Uran-Munition gesprochen und war dafür unter anderem in der Klausursitzung der SPD-Fraktion kritisiert worden. So könne man das Vertrauen in die Sicherheitspolitik nicht wiedergewinnen, berichteten Teilnehmer.

Das Verteidigungsministerium wies einen Bericht der "Welt am Sonntag" zurück, es wolle alle auf dem Balkan eingesetzten Bundeswehrsoldaten eine Erklärung zu uranhaltiger Munition unterschreiben lassen. Unter Berufung auf den Bundeswehr-Verband und den verteidigungspolitischen Sprecher der Unionsfraktion, Paul Breuer, berichtete die Zeitung, in der Erklärung sollten die Soldaten bestätigen, dass sie auf den richtigen Umgang mit Rückständen uranhaltiger Munition hingewiesen worden seien.

Scharping bestätigte einen Bericht des ZDF, wonach die Bundeswehr von der Universität Witten/Herdecke eine Anzahl von Krebserkrankungen bei Radartechnikern hat untersuchen lassen. Es gehe dabei um 99 Soldaten, von denen 69 an Krebs erkrankt seien. 24 davon seien seit den 60er-Jahren an Krebs gestorben. Die Studie sei nur deshalb als vertraulich behandelt worden, weil sie Krankendaten enthalte, sagte Scharping. Bei der Frage der Radarsgeräte gebe es zwei Probleme. Zum einen die Radarstrahlung selbst, zum anderen die Röntgenstrahlung, die bei hochenergetischen Feldern entstehe, die man bei Radarmessungen brauche. Der zweite Bereich sei offenkundig ein Problem.

Die Bundeswehr habe aber bereits 1962 Schutzvorschriften erlassen, was entsprechend im Zivilbereich erst 1984 geschehen sei, sagte Scharping. Es werde nun geprüft, ob im Laufe der 60er-, der 70er- und der 80er-Jahre "durch mangelnden Schutz, mangelnde technische Kenntnis oder durch Fahrlässigkeit Erkrankungen entstanden sind", die vom Arbeitgeber Bundesrepublik als Wehrbeschädigung anerkannt und finanziell ausgeglichen werden müssten.

Er sei sehr verärgert, dass sich entsprechende Prozesse seit Jahren dahinzögen, sagte Scharping. Die Studie der Uni Witten/Herdecke sei bereits 1996 in Auftrag gegeben worden. Trotz der gehäuften Zahl der Erkrankungen müsse man in Rechnung stellen, dass es um einen Zeitraum von 25 bis 30 Jahren gehe. Sein Ministerium teilte mit, eine weitere zukunftsorientierte Studie werde 2002 vorliegen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

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