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29.04.2003

07:49 Uhr

Schinzler wird Aufsichtsrat-Chef

Leiser Abgang für Münchener-Rück-Chef

VonCaspar Busse (Handelsblatt)

Ende einer Ära: Nach fast elf Jahren an der Spitze wechselt Münchener-Rück-Chef Schinzler 2004 in den Aufsichtsrat. Ein Wechsel in stürmischer Zeit, doch Nachfolger von Bomhard wird den Kurs nicht ändern.

Hans-Jürgen Schinzler Foto: dpa

Hans-Jürgen Schinzler Foto: dpa

MÜNCHEN. Zurückhaltung ist für Hans-Jürgen Schinzler Pflicht. Der mächtige Chef der Münchener Rück, größter Rückversicherer der Welt, meidet das Licht der Öffentlichkeit, wo es geht. Interviews gibt er kaum, selbst bei der Präsentation der Quartalszahlen ist Schinzler nicht immer dabei. Lediglich bei der Hauptversammlung oder bei der alljährlichen Bilanzpräsentation, die für morgen geplant ist, tritt er auf - gezwungenermaßen.

Still und leise hinter den Kulissen, so agiert der promovierte Jurist am liebsten. Und so hat er jetzt auch seine Nachfolge an der Konzernspitze geregelt. Ab 1. Januar 2004 soll Nikolaus von Bomhard den Versicherer führen, teilte der Konzern gestern nach einer Aufsichtsratsitzung überraschend mit. Der 46-Jährige, seit 2000 im Vorstand, ist wie Schinzler ein ausgewiesener Rückversicherungsspezialist. Ein Strategiewechsel ist kaum zu erwarten, meinen auch Analysten.

Schon länger trage sich Schinzler mit Rücktrittsplänen, sagte gestern ein Sprecher. Doch öffentlich dementierte der 62-Jährige bisher stets, denn er wollte eine quälende Nachfolgedebatte verhindern. "Ich würde mir wünschen, dass meine Ablösung nicht überraschend bald wäre", sagte er noch vor einem Jahr. Doch jetzt ging alles ganz schnell.

Aber Schinzler, seit 35 Jahren im Konzern, gibt das Ruder dennoch nicht aus der Hand. Er will an die Spitze des Aufsichtsrats wechseln und damit weiter die Fäden im Hintergrund zusammenhalten. Der derzeitige Aufsichtsrat-Chef, der scheidende Eon-Boss Ulrich Hartmann, soll dazu sein Amt niederlegen, Schinzler per Registergerichtsbeschluss und zunächst ohne Hauptversammlungsbeschluss zum neuen Aufsichtsratsmitglied bestellt werden. Ein Vorgehen, das schon Hypo-Vereinsbank-Chef Albrecht Schmidt, ein Vertrauter Schinzlers, wählte - und was ihm bisher viel Kritik einbrachte.

Der Wachwechsel kommt in schwieriger Zeit. Der Rückversicherer leidet wie die gesamte Assekuranz- Branche unter dem Verfall der Börsen, den schweren Naturkatastrophen und dem verheerenden Terroranschlag von New York. Die Ratingagenturen sehen die Lage mit Sorge. Im Geschäftsjahr 2002 hat der Konzern nur dank hoher Erlöse aus Beteiligungsverkäufen einen Gewinn von 1,1 Mrd. Euro erreicht. Im ersten Quartal 2003 gab es wohl wieder rote Zahlen. Im Rückversicherungsgeschäft profitiert der Konzern zwar nun von steigenden Prämien, doch noch immer liegen die Kosten und Schadenzahlungen über den Beitragseinnahmen.

Schinzler hat in seiner fast elfjährigen Amtszeit dem Konzern einen scharfen Expansionskurs verschrieben. Die Münchener Rück hat sich in den vergangenen zehn Jahren von einem reinen Rückversicherer zu einem Allfinanzkonzern gemausert. Die Aktie stieg schließlich in den Dax auf, Schinzler veranstaltet inzwischen sogar Analystentreffen.

Aus Hamburg-Mannheimer, Viktoria und DKV bildete Schinzler 1997 die Ergo, hinter der Allianz Deutschlands zweitgrößter Erstversicherer. Dann stieg er mit der Meag in die Vermögensverwaltung ein. Schließlich übernahm die Münchener Rück 2001 eine Sperrminorität von gut 25 % an der Hypo-Vereinsbank - ein folgenreicher Schritt, ist die Münchener Großbank doch im vergangenen Jahr tief in die Verluste gerauscht.

Ein noch tieferes Loch in die Konzernkasse riss Schinzlers Engagement in den USA. Der Konzernchef übernahm 1996 den Rückversicherer American Re für umgerechnet 2,5 Mrd. Euro. Doch die Firma erwies sich bisher als Milliardengrab. Zu den andauernd hohen Verlusten kamen noch milliardenschwere Sonderbelastungen durch Asbestschäden.

Doch Schinzler hat das Haus für seinen Nachfolger bereitet. Vor drei Wochen erst platzierte er am Kapitalmarkt Anleihen für über 3 Mrd. Euro. Damit ist die Kapitalbasis des Rückversicherers zunächst gestärkt. Zudem löste er die enge, jahrzehntealte Bindung an die Allianz: Die Verflechtung wird auf 15 % heruntergefahren - und damit die Abhängigkeit vermindert.

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