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15.02.2002

06:00 Uhr

„Schlimmer als es ist, wird es nicht kommen“

Bank- und Versicherungsaktien: Die zweite Liga

VonFrank Wiebe

Wer mit Bankaktien Geld verdienen möchte, schaut sich besser im Ausland um. Deutschland ist abgehängt. Bei den Versicherern ist die Situation nicht so krass.

DÜSSELDORF. Kein Wunder, dass Josef Ackermann, der künftige Chef der Deutschen Bank, eine Schwäche für London hat. Denn das stolze Frankfurter Institut ist zwar gemessen an der Bilanzsumme von über 900 Milliarden Euro und 95 000 Mitarbeitern eines der größten weltweit. Gemessen an der Börsenkapitalisierung rangiert die Bank aber unter ferner liefen - selbst im europäischen Vergleich: Gut 40 Milliarden Euro bringt sie an der Börse auf die Waagschale. Die Londoner Konkurrenten, allen voran HSBC, aber auch die schweizerische UBS und die niederländische Allfinanzgruppe ING spielen da in einer ganz anderen Liga (siehe "Die erste Liga").

Von den anderen deutschen "Großbanken" sollte man in dem Zusammenhang gar nicht mehr reden. Die Dresdner, früher einmal gemessen am Geschäftsvolumen die stolze Nummer zwei in Deutschland, wurde im vergangenen Jahr von der Allianz geschluckt. Die Hypo-Vereinsbank, die heutige Nummer zwei, liegt mit 17 Milliarden abgeschlagen, und die Commerzbank, traditionell die Nummer drei in Frankfurt, gilt mit rund zehn Milliarden Euro Börsenwert als Übernahmekandidat, den aber niemand haben will.

Bei den Versicherern sieht es besser aus. Die Allianz hat in der Bewertung ihren großen Rivalen Axa in Paris weit abgehängt - die Deutsche Bank übrigens auch. Doch auch für diese Branche gibt es einen schockierenden Vergleich: AIG in den USA, nach vielen Kennzahlen kleiner als die Allianz, ist mehr als dreimal so viel wert. Der US-Konzern arbeitet wesentlich profitabler: Die Kosten für Schadensfälle und für den Betrieb lagen 2000 (2001 ist wegen der Terrorangriffe ein Sonderfall) bei 95 Prozent der Prämieneinnahmen. Bei der Allianz hingegen erreicht diese "Combined Ratio" 107 Prozent: die Kosten sind höher als die Einnahmen und müssen aus Kapitalerträgen gedeckt werden.

Was ist schief gelaufen am Finanzstandort Deutschland? Warum erwirtschaften die deutschen Institute geringere Erträge als ihre Konkurrenten - daher rührt letztlich auch die niedrige Bewertung. Die Diskussion darüber ist fast so alt und verpufft ebenso wirkungslos wie die über den deutschen Arbeitsmarkt. In den meisten anderen Ländern hat sich die Finanzbranche in den vergangenen Jahren neu strukturiert. In den Niederlanden ist zum Beispiel 1991 aus einer Privatisierung der Postbank und dem Zusammenschluss mit einer großen Versicherungsgruppe der Allfinanzriese ING entstanden. In Frankreich ist die Axa durch zahlreiche Fusionen von ursprünglich genossenschaftlichen Versicherern entstanden. Und Crédit Agricole, das Gegenstück zu unserem Raiffeisenbank-System, ist gerade vor Weihnachten an die Börse gegangen. In der Schweiz hat sich die Schweizer Rück als reine Rückversicherung positioniert, und die Großbanken plus der traditionsreichen Winterthur-Versicherung haben sich zum Bankriesen UBS und zur Allfinanzgruppe Credit Suisse zusammengeschlossen. Die Liste ließe sich fortsetzen - auch in Italien und Großbritannien ist die Branche komplett umgekrempelt worden.

Und in Deutschland? Hier zieht die Privatisierungswelle, die die Post, die Versorger und ansatzweise sogar die Bahn erfasst hat, an öffentlichen Banken und Versicherern vorbei. Immer noch beherrschen die Sparkassen, die durch staatliche Garantien abgesichert sind, große Teile des Marktes. Weil die öffentlichen Anbieter im Bankgeschäft stärker sind als im Versicherungsgeschäft, stehen die Banken auch noch stärker unter Druck. "Wir haben in Deutschland keinen liberalisierten Bankenmarkt", sagt daher Analyst Dieter Hein von Crédit Lyonnais, und er sieht in den nächsten Jahren keine Besserung.

Fusionen geschehen in der deutschen Finanzbranche entweder gar nicht oder eher aus der Not geboren und mit zweifelhafter Strategie. Die einzige große Bankenfusion fand 1997 in München statt. Herausgekommen ist die heutige Hypo-Vereinsbank. Grund für die Fusion waren die großen Probleme der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank - also im Prinzip eine Sanierung. Der heutige Konzern ist sowohl in Deutschland als auch im Ausland regional sehr ungleichmäßig vertreten, in manchen Gebieten - vor allem Bayern und Osteuropa - sehr stark, in anderen wie Nordrhein-Westfalen und Italien schwach. Als Strategie wurde dann, um diese Schwäche quasi zur Stärke umzudefinieren, das Konzept einer "Bank der Regionen" erfunden, die eben nur in wenigen Regionen stark ist, dafür aber dann besonders stark. Den Investoren hat dieses Sparkassen-ähnliche Konzept nie eingeleuchtet, wie der Börsenkurs zeigt.

Ähnlich ist die Übernahme der Dresdner Bank durch die Allianz im vergangenen Jahr einzuordnen. Sie wurde erst dann eingeleitet, als andere Lösungen - zum Beispiel der Zusammenschluss zwischen Deutscher und Dresdner - an der Engstirnigkeit der beteiligten Vorstände gescheitert war. Um sie zu rechtfertigen, berief sich die Allianz auf den Allfinanz-Gedanken - auch dies ein strategischer Schwenk im Nachhinein.

Was heißt das aus Anlegersicht? Entweder auf die erste Liga setzen, die bei den Banken im Ausland spielt - oder darauf hoffen, dass die Deutsche Bank unter ihrem neuen Chef den Sprung in die erste Liga schafft: dann wäre ein Kursschub fällig. Die Experten sind skeptisch, ob das gelingt. Dieter Hein von Crédit Lyonnais und sein Kollege Guido Hoymann vom Bankhaus Metzler glauben nicht, dass die Deutsche sich von den Problemen des deutschen Marktes befreien kann. Hoymann verweist darauf, dass sie im Investment Banking immer noch höhere Gehälter zahlen müsse als die international ersten Adressen und damit entsprechende Kosten habe. Metehan Sen von Oppenheim ist etwas optimistischer. Er verweist darauf, dass der Konzern über die Hälfte seiner Gewinne im Ausland macht. Und im Inland sieht er eher eine Besserung: "Schlimmer als es ist, wird es nicht kommen."

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