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07.04.2003

08:11 Uhr

Schwaches Fundament für den Aufschwung

Nicht nur Krieg bremst US-Wirtschaft

VonThorsten Riecke

In den USA wächst die Sorge, dass der Irak-Konflikt doch noch zu einer dauerhaften Belastung für die Weltwirtschaft werden könnte. Führende Ökonomen warnen bereits vor einem bleibenden Schaden für die Globalisierung. Der amerikanischen Wirtschaft geht zudem wieder die Wachstumspuste aus.

Grafik: Handelsblatt.com

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NEW YORK. Führende US-Ökonomen haben vor den langfristigen Folgen des Irak-Krieges auf die Weltwirtschaft gewarnt. Zwar rechnen die meisten Experten mit einem kurzfristigen Schub für die Konjunktur, wenn der Krieg erst einmal zu Ende ist. Anhaltende geopolitische Risiken und bestehende Ungleichgewichte in den führenden Industrieländern könnten jedoch die Weltwirtschaft dauerhaft belasten.

Wortführer der Pessimisten ist Stephen Roach, Chefökonom der Investmentbank Morgan Stanley. Er sieht nicht nur die Weltwirtschaft am Rande einer zweiten Rezession ("global double dip"), sondern hält die Globalisierung für gefährdet. Dauer-Pessimist Roach ist jedoch keineswegs allein mit seinen Befürchtungen. Sein Kollege Bill Dudley von der Investmentbank Goldman Sachs warnt ebenfalls davor, dass eine instabile Lage im Mittleren Osten zu einem dauerhaften Unsicherheitsfaktor werden könnte.

Und selbst Optimisten wie Gail Fosler, Chefökonomin des renommierten Forschungsinstituts Conference Board, sorgt sich, dass die "Institutionen und Infrastruktur der Globalisierung" durch den Irak-Konflikt und dessen politische Folgen einen dauerhaften Knacks bekommen haben könnten: "Die Bedingungen für das globale Wachstum haben sich verschlechtert."

Sie weist darauf hin, dass bereits seit einigen Jahren die ausländischen Direktinvestitionen rund um den Globus dramatisch zurückgehen. Zugleich sei der Kapitalfluss in die aufstrebenden Volkswirtschaften ("emerging markets") deutlich abgeebbt. Und schließlich wachse auch der Welthandel nicht mehr so stark wie vor Jahren.

"In dieser Situation brauchen wir dringend eine neue Vision für die Weltwirtschaft. Es gibt derzeit jedoch keinen Vorreiter für die globale Integration", sagt Fosler. Sie befürchtet, dass die USA als bisherige Führungsmacht für Globalisierung und Freihandel ausfallen. Amerika sei zu sehr mit seiner eigenen Sicherheit beschäftigt. "Die Sicherheitspolitik einer präventiven Gefahrenabwehr verträgt sich nicht mit der Globalisierung", warnt die Ökonomin. "Wir sind dabei, Mauern um uns herum zu errichten." Roach sieht zudem die Gefahr, dass die politischen Spannungen die Lösung der Handelskonflikte zwischen den USA und Europa erschweren.

Der jüngste Beschluss des US-Repräsentantenhauses bestätigt diese Befürchtungen. Mit überwältigender Mehrheit haben die Abgeordneten einen Nachtragsetat von 77,9 Mrd. $ für die Kosten des Krieges gebilligt. Der Haken: Firmen aus den Anti-Kriegs-Ländern Frankreich, Deutschland, Syrien und Russland werden von US-Aufträgen für den Wiederaufbau im Irak ausgeschlossen. Das letzte Wort ist darüber allerdings noch nicht gesprochen, da der Gesetzentwurf in den Vermittlungsausschuss mit dem Senat geht.

Roach und Dudley sehen neben den geopolitischen Risiken noch weitere Hindernisse für eine wirtschaftliche Erholung. "Die US-Wirtschaft schöpft schon seit drei Quartalen ihre Wachstumsmöglichkeiten nicht aus. Das kann nicht nur am Irak-Krieg liegen", sagt Dudley. Er macht für die gegenwärtige Schwächephase auch die Spätfolgen der Spekulationsblasen Ende der 90er Jahre verantwortlich. Unternehmen und Verbraucher seien immer noch dabei, ihre Finanzen in Ordnung zu bringen. Investitions- und Konsumzurückhaltung seien die Folge.

Zugleich laufen die Staatsfinanzen aus dem Ruder. Das Haushaltsdefizit des Bundes wird im laufenden Finanzjahr auch wegen der Kriegskosten vermutlich mehr als 4 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP) betragen. Parallel dazu steigt das Leistungsbilanzdefizit der USA auf mehr als 5 % des BIP. "Seit 1995 kommen fast zwei Drittel des gesamten Wachstums der Weltwirtschaft aus Amerika. Das ist auf Dauer nicht durchzuhalten", sagt Roach. Er und seine Kollegen fordern, dass insbesondere Europa mehr für das weltweite Wachstum tun müsse. Die Lastenverteilung in der Weltwirtschaft wird im Mittelpunkt der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds am Wochenende stehen.

Dass der Konjunkturlokomotive Amerika langsam die Puste ausgeht, zeigen die jüngsten Signale aus der Wirtschaft. Seit Anfang Februar haben sich nahezu alle wichtigen Konjunkturindikatoren verschlechtert. Im März setzte sich auch auf dem Arbeitsmarkt der Negativtrend fort. Die Arbeitslosenquote blieb zwar mit 5,8 % auf dem Niveau des Vormonats. Die Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft sank jedoch um 108 000 Stellen. Zugleich wurde der Beschäftigungsrückgang im Februar auf 357 000 nach oben korrigiert. "Die Wirtschaft hat zwar immer noch ein Fundament für einen Aufschwung, es ist jedoch viel schwächer als erwartet", sagte William Sullivan, Ökonom bei der Investmentbank Morgan Stanley.

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