Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.04.2003

15:42 Uhr

Schwerer Unfall am Samstag

Saddams Waffenarsenale töten noch immer

"Das ist meine jüngste Enkelin, das einzige Kind, das überlebt hat", schreit die schwarz verschleierte Großmutter verzweifelt und hält den Säugling in die Höhe. Ihre Schwiegertochter und die übrigen Enkelkinder starben, als am Samstagmorgen eine Rakete aus einem nahe gelegenen Munitionsdepot in ihr Haus in Safranija bei Bagdad einschlug. Das in Stofftücher eingewickelte Baby lag zum Zeitpunkt der Explosion alleine im Garten.

HB/dpa BAGDAD. Die Verwandten und Nachbarn der Opfer sind zornig. Sie wollen nicht glauben, dass irakische Saboteure das von US-Soldaten bewachte Depot beschossen und dadurch die Munition in Brand und die Raketen zum Abschuss gebracht haben. Sie schreien, doch keiner wagt es, die Amerikaner, die gekommen sind, um ihnen bei der Suche in den Trümmern zu helfen, direkt anzugreifen. "Da hinten ist auch eine Rakete eingeschlagen", ruft ein bärtiger Schiit, "vier Raketen, die nicht explodiert sind, liegen hier noch im Viertel".

US-Major Frank McLeary sieht sich vor eine unerfüllbare Aufgabe gestellt. "Ja, wir wussten, dass dieses Depot neben dem Wohnviertel kein guter Ort war, um Raketen zu lagern", sagt er, "deshalb wollten wir sie später auch woanders hin transportieren".

Die US-Soldaten bekommen die Waffenarsenale von Saddam Hussein und die Überreste ihrer eigenen Bombardierung kurzfristig nicht in den Griff. Die US-Armee wird es nach eigenen Angaben in absehbarer Zeit nicht schaffen, alle noch nicht explodierten Bomben, Granaten und Raketen, die in Straßengräben und Wohnvierteln liegen, zu räumen und zu vernichten. Für die irakischen Zivilisten in Bagad ist die Gefahr auch nach dem Ende der massiven Gefechte noch nicht gebannt.

Zwei Kilometer vom Unglücksort in Safranija entfernt haben amerikanische Soldaten "UXO" ("unexploded ordnance") auf zwei Brückenpfeiler gesprüht. Doch nur wenige Iraker wissen, dass dies die englische Abkürzung für nicht explodierte Kampfmittel ist und kein spielendes Kinder lässt sich davon abschrecken. Hier unter der Brücke war vor drei Wochen noch eine Stellung der irakischen Armee. Bei ihrer Flucht ließen die Soldaten ihre restliche Munition zurück. Wenige Meter weiter steht ein Armeelastwagen mit Mörsergranaten. Daneben liegen grüne Jacken und Hosen - die Soldaten hatten sich zuletzt auch noch ihrer Uniformen entledigt.

Rund um die irakische Hauptstadt bietet sich überall das gleiche Bild. Bei Abu Ghoreib im Westen stehen völlig unbewacht zwei Anhänger mit insgesamt acht Raketen neben der Autobahn. "Die gelben sind unsere, die weißen sind amerikanische Raketen", meint ein Iraker, der auf der Autobahnbrücke steht, zu seinem Freund. Wer sie dorthin gebracht hat und wann sie abgeholt werden sollen, weiß er nicht.

Täglich kommen Iraker zu den US-Soldaten und bitten sie, Militärgerät und Munition aus ihren Wohnviertel zu entfernen. Doch die Amerikaner kommen einfach nicht nach. "Die Iraker hatten jede Menge Waffen, das können wir so schnell nicht schaffen", sagt McLeary. Dabei sind sich die Amerikaner der Gefahr, die von der nicht explodierten Munition ausgeht, durchaus bewusst. "Wir markieren die Mörsergranaten hier, aber fragen sie mich bitte nicht, wann wir sie abholen können, denn das kann noch eine Weile dauern", erklärt ein Soldat im El-Durra-Viertel und zuckt mit den Schultern.

Für das Einsammeln und Vernichten der Handfeuerwaffen, die bei Kriegsende überall in den Straßengräben lagen, bleibt den US-Soldaten angesichts dieser massiven Bedrohung kaum noch Zeit. Zwar nehmen sie den zum Teil nur aus Spaß wild schießenden Irakern gelegentlich ein paar Maschinenpistolen ab, die sie dann mit ihren Panzern platt walzen. Doch auf dem Waffenmarkt an der Hauptstraße von Neu-Bagdad gibt es jeden Tag neue Ware. Eine Kalaschnikow ist hier jetzt schon ab zwölf Dollar zu haben.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×