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06.01.2003

08:45 Uhr

Schwierige Suche nach Käufern

Übernahmefrust statt -lust am deutschen Markt

VonMichael Maisch und Charlie Welsh

Im lukrativen Geschäft mit Fusionen und Übernahmen setzen die Investmentbanker große Hoffnungen auf den deutschen M&A-Markt. Schließlich steht die deutsche Wirtschaft unter einem enormen Reformdruck. Doch der große Durchbruch lässt auf sich warten, und daran wird sich auch 2003 wenig ändern.

FRANKFURT/LONDON. Das große Übernahme-Monopoly will einfach nicht in Gang kommen. Dabei haben die viel versprechenden Prognosen für Fusionen und Übernahmen (Mergers and Acquisitions, M&A) auf dem deutschen Markt fast schon Tradition. Die Argumente, die die Investmentbanker in schöner Regelmäßigkeit vorbringen, leuchten ein: Auf der größten europäischen Volkswirtschaft lastet ein enormer Reformdruck, zahlreiche Branchen werden um eine Konsolidierung nicht herumkommen, und auch bei der Entflechtung der Deutschland AG bleibt noch jede Menge zu tun.

Aber die weltweite M&A-Krise trifft natürlich auch den Markt in Deutschland. Auch hier zu Lande klaffen die Interessen von Käufern und Verkäufern weit auseinander. Dank der Dauerbaisse an den Börsen hat die Akquisitionswährung Aktie drastisch an Wert verloren. Die meisten Firmenverkäufer wollen inzwischen Bargeld sehen, doch das ist angesichts von Konjunkturflaute und sinkenden Gewinnen ein knappes Gut.

Auf der anderen Seite zögern die Käufer, weil sie angesichts des scheinbar unaufhaltsamen Kursverfalls hoffen, in einigen Monaten noch viel günstiger zum Zug zu kommen. So fiel 2002 das Volumen von Fusionen und Übernahmen mit deutscher Beteiligung noch einmal um rund 37 Mrd. Dollar auf nur noch 136 Mrd. Dollar.

Nach dem erneuten Rückschlag gehen die meisten Banker mit großer Vorsicht ins Jahr 2003. Ein Grund: Der Stimmungswandel in den Führungsetagen. "Hochfliegende Fusionspläne zahlen sich für die Vorstände nicht länger aus", erläutert ein Investmentbanker. Zahlreiche Übernahmen hätten bei weitem nicht den erwarteten Erfolg gebracht. Zukäufe stünden bei vielen Konzernchefs deshalb mittlerweile ganz unten auf der Agenda.

An abschreckenden Beispielen mangelt es nicht. Mit Telekom-Chef Ron Sommer und Bertelsmann-Boss Thomas Middelhoff mussten 2002 gleich zwei Top-Manager ihren Posten räumen, die sich durch ungebremste Übernahmefreude ausgezeichnet hatten.Trotz der wachsenden Vorsicht in den Chefetagen hofft Alexander Georgieff, verantwortlich für das deutsche M&A-Geschäft der Deutschen Bank, 2003 zumindest auf eine Stabilisierung des Marktes. Allerdings werden nach Meinung des Bankers die bekannten Unsicherheitsfaktoren Kriegsangst, Konjunkturflaute und Börsenturbulenzen die Fusionslust auch in den kommenden Monaten deutlich bremsen. Bewegung erwartet Georgieff am ehesten noch bei den Finanzdienstleistern, den Telekomkonzernen, den Automobilzulieferern und in der Pharmaindustrie.

Im vergangenen Jahr schaffte die Deutsche Bank auf ihrem Heimatmarkt im M&A-Geschäft den lang ersehnten Sprung an die Spitze der so genannten League Tables (siehe Tabelle). Auf den Plätzen der prestigeträchtigen Rangliste folgen die großen Wall Street Häuser Merrill Lynch, JP Morgan, Morgan Stanley und Goldman Sachs.

Hermann Prelle, Vorstand von UBS Warburg in Frankfurt erwartet, dass die Ungewissheit über den Verlauf des M&A-Jahres 2003 nicht lange anhalten wird. "Die Banken werden bereits im Februar oder März ein Gefühl für den Markt bekommen", sagt er. Da die Vorbereitungszeit für Transaktionen deutlich länger werde, könne, was bis Mai oder Juni nicht in trockenen Tüchern sei, bis zum Jahresende nicht mehr abgewickelt werden. Bei den laufenden Vorarbeiten gehe es vor allem um kleinere Übernahmen und Fusionen in der Größenordnung von 0,5 bis 1 Mrd. Euro. Mammut-Deals stünden dagegen kaum an. Insgesamt sei die M&A-Pipeline 2003 aber besser gefüllt als im Vorjahr. Eine gut gefüllte Pipeline ist jedoch noch keine Garantie, dafür, dass die Transaktionen auch zum Abschluss kommen. In den vergangenen Monaten haben sich eine ganze Reihe von angekündigten Deals zu Hängepartien entwickelt. So musste Bayer den bereits vereinbarten Verkauf der Sparte Rhein Chemie wieder absagen, der Automobilzulieferer Kiekert musste seine Verkaufspläne ebenfalls aufgeben, und die Deutsche Telekom hat mit der Trennung von ihren Kabelaktivitäten einen traurigen Rekord aufgestellt. Mit einer Dauer von drei Jahren ist die Auktion der längste Verkaufsprozess in der europäischen M&A-Geschichte.

Nach Meinung von Investmentbankern ist es kein Zufall, dass es schwer fällt, für deutsche Unternehmen einen Käufer zu finden. Der unflexible Arbeitsmarkt, die Unsicherheit darüber, wie der Verkauf von Beteiligungen künftig besteuert wird und das Nein der Bundesregierung zur europäischen Übernahmerichtlinie schaden dem Ruf des Standorts.

Doch ihren Glauben an die Möglichkeiten des deutschen M&AMarktes wollen die Banker trotzdem nicht aufgegeben. Einer drückt es so aus: "Natürlich ist es schwierig in Deutschland Geschäfte zu machen. Aber irgendwann wird der Druck übermächtig, die Restrukturierung endlich anzugehen."

Quelle: Handelsblatt

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