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09.01.2003

07:35 Uhr

Sechs Systemanbieter ringen um den Auftrag für die bundesweite Einweg-Entsorgung

Entsorger im Endspurt ums Einwegpfand

VonChristoph Schlautmann

Hinter verschlossenen Türen verhandelten am Mittwoch Handel und Industrie über die Zukunft des Einwegpfands in Deutschland. Womöglich schon am Freitag soll die endgültige Entscheidung fallen, welches Sicherheitskonzept das Rennen macht. Insgesamt sechs Bewerber ringen um das bundesweite Rücknahmesystem.

DÜSSELDORF. Um einen Auftrag im Gesamtwert von rund 500 Mill. Euro könnte es am Freitag in Berlin gehen - und zwar jährlich. Hinter verschlossenen Türen feilte gestern die Münchener Unternehmensberatung Roland Berger gemeinsam mit Experten der Arbeitsgemeinschaft für Verpackung und Umwelt (AGVU) an einem Sicherheitsmodell, das ab Oktober die reibungsfreie Rücknahme von Getränkeverpackungen in ganz Deutschland garantieren soll. Das Ergebnis könnte schon morgen der AGVU-Exekutivausschuss verkünden. Dem Spitzengremium gehören unter anderem Rewe-Chef Hans Reischl, Metro-Generalbevollmächtigter Erich Greipl, Coca-Cola-Chef Götz Müller und Unilever - Deutschland-Chef Johann C. Lindenberg an.

Nachdem der Start des Einwegpfands in Deutschland die Getränkebranche am Neujahrstag nahezu unvorbereitet traf, geben Handel und Industrie beim Thema Einweg-Getränkepfand nun Gas. Insgesamt sechs Systemanbieter haben sich in Berlin darum beworben, künftig die leeren Dosen und Einwegflaschen bundesweit zu entsorgen.

Nicht nur die Rethmann-Tochter Rhenus in Holzwickede, die bereits die von Lekkerland belieferten Tankstellen und Kioske entsorgt, rechnet sich mit ihrem System gute Chancen aus. Auch die Deutsche Pfand AG, eine 100-prozentige Tochter der RWE Umwelt AG, hofft auf den Zuschlag. Die Viersener wollen pfandpflichtige Dosen und Einwegflaschen mit durchlaufenden Code-Nummern versehen. Diese werden, nachdem sich der Kunde angemeldet hat, beim Einwerfen des Leerguts in einen Sammelbehälter automatisch von einem Hochleistungs-Scanner erfasst und in einer Datenbank abgeglichen. Erkennt das System die Behälter, erhält der Verbraucher das Pfandgeld dann auf seinem Konto gut geschrieben.

Auf entwertbare Labels setzen dagegen die Kölner Konkurrenten VfW AG und Trinkpack AG. Beide haben sich von der Bundesdruckerei und von der Münchener Sicherheitsfirma Giesecke & Devrient fälschungssichere Aufkleber anfertigen lassen, die bei der Getränkerückgabe entwertet werden sollen. "Die Sicherheitszertifikate kosten jährlich rund 50 Mill. Euro, was 10 % der gesamten Systemaufwendungen entspricht", berichtet Trinkpack- Vorstand Peter Meißner. 50 % der Kosten gehen nach seinen Berechnungen auf das Konto der Automatentechnik, die restlichen 40 % teilen sich die Entsorger.

"Die feuern mit Kanonen auf Spatzen", mokiert sich Wolfgang Ringel, Direktor für globale Geschäftsbeziehungen des norwegischen Rücknahme- Automaten-Herstellers Tomra ASA, über derlei Pläne. Die Label-Lösung, die bislang nur als Echtheitszertifikat für Geldscheine Verwendung finde, sei nur ein technisches Experiment und zudem überteuert.

Wie auch der Kölner Entsorger Interseroh AG hat Tomra bereits Mitte Oktober sein Konzept der Handelsvereinigung für Marktwirtschaft (HfM) präsentiert. Zur HfM zählen unter anderem Aldi, Rewe, Edeka und Spar. "Wir haben im deutschen Einzelhandel bereits 6 500 Mehrwegautomaten stehen, die sich leicht fürs Einwegpfand erweitern lassen", zeigt Ringel Selbstbewusstsein. Da habe man es kaum nötig, sich von vornherein den Anforderungen etwa des Label-Systems von Trinkpack zu beugen.

Tatsächlich gilt Tomra, Weltmarktführer von Rücknahmegeräten, in der Entsorgungsbranche als Schwergewicht. In Skandinavien und einigen US-Bundesstaaten arbeitet Tomra inzwischen exklusiv als Systembetreiber und hat dort sogar die Pfandausgleichszahlungen (Clearing) übernommen. Mit seinen High-Tech-Automaten, die mit Barcodes und Computervergleichsbildern das Leergut auf seine Echtheit überprüfen, passt Tomra allerdings in keines der vier Sicherheitskonzepte, über die der AGVU-Exekutivausschuss entscheiden muss.

Fällt morgen eine Entscheidung zu Gunsten des Deutsche-Pfand-Modells, bliebe Tomra mit seinen Automaten außen vor; kommt dagegen eine Lösungen von VfW oder Trinkpack zum Zuge, müssten die Norweger ihre Geräte aufwendig umrüsten. "Der Starttermin 1. Oktober wäre damit gefährdet", warnt Tomra-Manager Ringel.

Die Skandinavier hoffen deshalb darauf, dass sich die AGVU morgen auf ein System einigt, das für alle Dienstleister offen bleibt. Chancen auf eine Beteiligung an der Einweg-Entsorgung hätte dann sogar das Duale System Deutschland AG. Denn auch der Grüne- Punkt- Lizensierer hat den Berlinern seine Dienste als Clearingstelle angeboten.

Quelle: Handelsblatt

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