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15.06.2000

07:38 Uhr

Seine Entscheidungen wurden oft als Warnsignale verstanden

Seagram-Chef Edgar Bronfman Jr. - Romantiker in der Wirtschaftswelt

VonJ. JOACHIM MOSKAU, BERT FRÖNDHOFF

Edgar Bronfman Jr. hat seit mehr als einem Jahrzehnt den Traum, aus dem kanadischen Mischunternehmen Seagram einen schlagkräftigen Unterhaltungskonzern zu machen. Doch er traf an der Börse auf wenig Gegenliebe. Seit Bekanntwerden der Gespräche mit Vivendi hat sich das geändert.

Sie konnten nie gut zusammen: Edgar Bronfman Jr., Chef der kanadisch-amerikanischen Seagram-Gruppe, und Analysten und Anleger, die den Konzern beobachten. Denn gerne ließ der 45-jährige die Finanzwelt im Ungewissen darüber, was genau er mit dem Unterhaltungs- und Spirituosen-Konzern vorhat. So recht trauten ihm die Investoren nicht.

Seit gestern herrscht mehr Klarheit: Bronfman will den Konzern offenbar zerschlagen. Er spricht mit dem Chef des französischen Mischkonzerns Vivendi, Jean-Marie Messier, über eine Zusammenarbeit, aus der eine Fusion werden könnte und mit der einer der größten Medienkonzerne entstünde. Das Geschäft mit Spirituosen soll offenbar verkauft werden und Bronfman eine führende Rolle in dem Konzern erhalten. Als dies bekannt wurde, freute sich die Börse: Kurz nach Handelsbeginn legt der Aktienkurs von Seagram gestern um 15 % zu.

Den Beifall der Finanzwelt hat sich der oft frustrierte Edgar Bronfman Jr. lange gewünscht. Er drängte Seagram, einst die klare Nummer Eins im internationalen Spirituosengeschäft, seit Jahren ins Unterhaltungsgeschäft, ohne jedoch größere Geschäftsfeldern abzustoßen.

Die Idee zum Umbau zum Medienkonzern hatte er bereits 1989, als ihm Vater Edgar Bronfman Senior die Führung übertrug. Seagram ist in der dritten Generation fast ein Feudalbesitz der Familie, die 35 Prozent der Anteile besitzt.

Lange waren die restlichen, freien Aktionäre verärgert. Um 1995 den Einstieg ins große Unterhaltungsgeschäft mit dem Kauf der MCA Inc. (Filme, Fernsehen und Musik) für 5,7 Milliarden US-Dollar zu finanzieren, verkaufte Bronfman Jr. das Seagram-Aktienpaket am US-Chemieriesen Du Pont (24,5 Prozent). Folge: In den Jahren danach dümpelte der Seagram-Aktienkurs lustlos vor sich hin.

Über die DuPont-Entscheidung hatte es innerhalb der Bronfman-Familie selbst böses Blut gegeben. Doch "Edgar Junior", wie er hausintern genannt wird, hat sich stets einem nachsichtigen Vater gegenüber gesehen. Das war auch der Fall, als er in den 70er Jahren statt die Hochschule abzuschließen sich als erfolgloser Liedermacher (Pseudonym: Sam Roman) durchschlug. Später betätigte er sich als zweitklassiger Filmproduzent in Hollywood.

Sogar die aus heutiger Sicht überteuerte Übernahme von MCA wurde ihm verziehen. Ohne auch nur einen Dolmetscher oder Kofferträger flog Junior vor Jahren zum greisen Yoichi Morishita nach Osaka, dem Chef der damaligen MCA-Mutter Matsushita Electric, um den Kaufvertrag unter Dach und Fach zu bringen.

Seine häufig unorthodoxen einsamen Entschlüsse sind es, die an der Börse oft als Warnsignale verstanden wurden. Die Presse nannte ihn einst "Romantiker in der Wirtschaftswelt". Der hochaufgeschossene und schlanke Junior, stets adrett gekleidet, überaus höflich und Träger eines gut gepflegten Dreitagebarts weiß, dass die Lacher bislang nicht auf seiner Seite waren. Ob ihm der Verkauf an Vivendi als einziger Ausweg bleibt?

Bislang hat er bei allen Entscheidungen auf die Toleranz der Familie setzen können. ,,Natürlich wird er Fehler machen", sagt Vater Edgar. ,,Aber Fehler kann man nur vermeiden, wenn man nichts tut." Diesen Vorwurf will sich Bronfman Junior, der gern gegen den Strom in der Unterhaltungsbranche schwimmt, offenbar niemals machen.

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