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22.01.2003

10:05 Uhr

Seismologen entdecken neue Ölvorräte unter dem Meeresboden

Konzerne erschließen kleine Ölfelder in der Tiefsee

VonTHOMAS WIEDE

Immer tiefer, immer präziser - vor allem in der "Offshore- Förderung" hat die Technik in den vergangenen Jahren einen großen Sprung gemacht. Die Ölkonzerne können heute mit mobilen und daher effizienteren Plattformen Felder ausbeuten, die tief unter dem Meeresboden liegen.

DÜSSELDORF. High-Tech hilft, heute Ölfelder zu erschließen, von deren Existenz die Ölmultis vor zehn Jahren noch keine Ahnung hatten. Wo die Haudegen im harten Ölgeschäft früher "den richtigen Riecher" für die Entdeckung eines Feldes benötigten, können die Geo-Spezialisten der Ölmultis heute mit seismischen dreidimensionalen Bildern jede Verästelung eines Ölfeldes nachvollziehen. Die digitale Untersuchung verschlingt zwar viel Geld, mit ihr lässt sich aber das Potenzial eines Feldes und seine Ausbeutung auf Jahre hin kalkulieren.

Den Unternehmen hilft das ungemein, denn so lassen sich Investitionen wie in die Shell-Plattform "Troll" vor Norwegen besser durchspielen: Fast 20 Jahre hat es von der Entdeckung des Feldes gedauert, bis der Koloss seine Arbeit aufnehmen konnte. Fünf Milliarden Dollar hat das gekostet, rund 50 Jahre soll die Plattform produzieren. Die zunächst zur reinen Gasförderung 1995 verankerte "Troll" liefert heute sehr zur Freude der Shell-Manager auch Öl. Mit Hilfe der digitalen Seismik wurde später ein Ölfeld entdeckt, von der die Shell-Leute keine Ahnung hatten.

Eigentlich hätte mit der Erdölförderung in der Nordsee schon lange Schluss sein sollen: Als die Ölmultis in den 70er-Jahren an das schwarze Gold der Nordsee wollten, gingen sie in ihren Szenarien davon aus, dass die Felder bis zum Jahr 2000 ihren letzten Tropfen abgegeben haben werden. Noch Mitte der 80er-Jahre galt diese Annahme.

Inzwischen wurden aber so viele neue Felder erschlossen, dass die Unternehmen damit rechnen, dass sie noch nach 2015 über zwei Millionen Barrel (159 Liter) pro Tag aus der Nordsee pumpen können. "Die Möglichkeit, wesentlich klarer in die Erde zu schauen, sowie die Revolution in der Bohrtechnik haben dazu geführt, dass heute auch kleinere und weiter entfernte Quellen erschlossen werden können", sagt Philip Watts, Chairman der Royal-Dutch/Shell-Gruppe, der ausgebildeter Geophysiker ist.

Schon bei ihrer Inbetriebnahme galt die fest verankerte "Troll" als Dinosaurier unter den Plattformen. Inzwischen hat eine neue, mobile Technologie auf den Weltmeeren Einzug gehalten: Schwimmende Plattformen wie die "Hoover-Diana" von Exxon Mobil erreichen bei ihren Bohrungen immer neue Tiefenrekorde. Felder, die noch weitere 3,5 Kilometer unter dem Meeresboden liegen, wie im Golf von Mexiko oder vor der Küste Westafrikas, sind inzwischen erreichbar und können zu akzeptablen Kosten ausgebeutet werden. "Offshore" ist daher bei Ölkonzernen das Zauberwort. Unter anderem auch weil die Firmen auf dem Meer, anders als in den Wüsten des Nahen Ostens, weder auf politischen Zeitbomben sitzen noch von der Laune der lokalen Diktatoren abhängig sind.

Über die Böden der Weltmeere breitet sich daher in den letzten Jahren ein immer dichteres Netz von Pipelines und High-Tech-Installationen aus, die mit Robotern verlegt und gewartet werden, wie zum Beispiel die Asgard-Anlage, die modernste Offshore-Einrichtung des norwegischen Ölkonzerns Statoil.

Die so genannten "Templates" auf dem Meeresboden sind die strategischen Zentren der Unterwasserfabriken: Sie regeln und vernetzen die Öl- und Gasquellen. Die Bauteile sind standardisiert, die teuren Tiefseeaktivitäten werden durch die Template-Technik gebündelt und wie über Schablonen entfaltet. Die Materialrevolution in der Bohrtechnik erlaubt es heute, auch unter dem Meeresboden abgelenkt und damit horizontal zu bohren. Wo früher bei der rein vertikalen Technik eine neue Insel verankert werden musste, folgen die Bohrspezialisten heute vom gleichen Standort aus dem Feld in seine Verzweigungen.

Wie das Beispiel Nordsee zeigt, hat die Revolution in der Fördertechnik der Diskussion über die noch vorhandenen Ölreserven erheblichen Auftrieb gegeben. Während viele Wissenschaftler ihre Schätzungen auf den "Ist-Stand" der bekannten Quellen aufbauen und damit auf eine Verfügbarkeit von Erdöl von rund 40 Jahren kommen, fordern die Ölmultis, dass der technische Fortschritt mit in die Formeln einbezogen werden sollte. Dann scheint die Schätzung des BP-Deutschland-Chefs Wilhelm Bonse-Geuking durchaus realistisch, nach der es noch über 100 Jahre dauert, bis die Ölreserven erschöpft sind.

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