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14.01.2003

08:46 Uhr

Sensationeller Triumph

Capriati scheitert an der Präzision aus Leimen

VonJörg Allmeroth (Handelsblatt)

Ihr Blick war furchtlos und entschlossen bis zur letzten Sekunde. Ihre Schläge krachten mit verblüffender Präzision links und rechts in die Ecken des Centre Courts, Volltreffer gleich reihenweise. Und ihre Nerven waren gut an diesem größten Abend ihrer Karriere. Am Abend, als Marlene Weingärtner die Australian-Open-Siegerin der beiden vergangenen Jahre schlug, die Comeback-Künstlerin Jennifer Capriati: "Ich fühle mich, als würde ich über der Erde schweben. Es ist ein unglaubliches Glücksgefühl."

Marlene Weingärtner jubelt über ihren Sensationssieg gegen Jennifer Capriati. Foto: dpa

Marlene Weingärtner jubelt über ihren Sensationssieg gegen Jennifer Capriati. Foto: dpa

MELBOURNE. Die 22-jährige Deutsche, die mit ihrem sensationellen 2:6, 7:6 (8:6), 6:4-Triumph etwas schaffte, was in den vergangenen 14 Matches in Melbourne keiner Martina Hingis, keiner Lindsay Davenport und auch keiner der beiden Williams-Schwestern gelungen war: ein Erfolgserlebnis gegen die zähe, unbeugsame Capriati. "Ich brauche noch ein paar Stunden, bis dieser Sieg richtig ins Bewusstsein sinkt", sagte Weingärtner, die "Frau der Stunde" beim ersten Grand-Slam-Spektakel 2003.

Der erste Erstrundensturz einer amtierenden Australian-Open-Gewinnerin in der modernen Ära dieses Sports war zugleich eine willkommene Abwechslung nach Frust, Ärger und Depressionen im deutschen Damentennis, das nach der Entlassung von Fed Cup-Teamchef Markus Schur und der geplatzten Amtsübernahme von Anke Huber in eine neue schwere Krise geraten war. Noch Stunden vor dem Weingärtnerschen Traumspiel hatte die in der ersten Melbourne-Runde ausgeschiedene Barbara Rittner erklärt: "Wir sind inzwischen auf einem absoluten Tiefpunkt angelangt. Beim Verband kümmert sich niemand mehr um die Spielerinnen und ihre Ergebnisse." Selbst ein Abrutschen in die Zweitklassigkeit im Fed Cup, so Rittner, werde "gleichgültig hingenommen."

Bis zu Weingärtners Coup hatte auch nur Anca Barna mit einem 5:7, 6:1, 6:3-Sieg über die Italienerin Francesca Schiavone halbwegs Ehre für die international kaum noch beachteten Deutschen eingelegt. Greta Arn und Angelika Roesch waren ebenso wie Rittner und die drei deutschen Qualifikanten im Herren-Wettbewerb, David Prinosil, Björn Phau und Alexander Waske, sofort ausgeschieden. Alle Erstrundenverlierer konnten sich immerhin über ein Trostgeld von 17 000 australischen Dollar (8 700 Euro) freuen.

"Keine Angst" lautete der Aufdruck des T-Shirts, mit dem sich die strahlende Marlene Weingärtner später den Fragen der neugierig gewordenen Weltpresse stellte. Keine Angst, selbst nicht vor großen Namen - das war zuvor auch ihr Motto vor 12 000 Zuschauern gewesen, beim Duell mit der Weltranglisten-Dritten Jennifer Capriati. Selbst einen 2:6, 0:3-Rückstand gegen die Amerikanerin steckte Weingärtner mit beachtlichen Nehmerqualitäten weg. Ein wenig fühlte sich die Deutsche in der Tradition ihres Vorbildes Boris Becker, in dessen Geburtshaus sie zehn Jahre lang in Leimen gelebt hatte: "Er hat auch das Unmögliche möglich gemacht und immer auf seine Chance gelauert - selbst wenn niemand mehr an ihn geglaubt hat."

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