Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.01.2001

15:56 Uhr

HB DÜSSELDORF. Wer mit Geschäftspartnern in Frankreich telefoniert, sollte sich an feste Höflichkeitsregeln halten. Hier wird Smalltalk erwartet: Eine flink dahin plätschernde Konversation, oberflächlich und brillant, im Gegensatz zu deutscher Tiefe und Langsamkeit. Im gleichen Atemzug mit der Begrüßung erkundigt sich der Franzose nach dem Befinden. Die Frage wird natürlich - außer man läge in den letzten Zügen -- grundsätzlich mit "très bien" beantwortet. Schockierend wäre es, ernsthaft Auskunft zu geben oder gar seine sämtlichen Wehwehchen oder Krankheiten aufzuzählen. Fragen der Gesundheit sind in Frankreich Privatsache. Dagegen kann man sich nach dem Wetter erkundigen, ein Kompliment für den Sieg der Nationalmannschaft oder ein anderes erfreuliches Ereignis anbringen. Überhaupt sind gelungen formulierte Liebenswürdigkeiten geschätzt. Sie spielen die Rolle eines Sesam-öffne-dich und schaffen eine freundliche Atmosphäre. Erst dann steuert man auf den eigentlichen Anlass des Anrufs zu. Ungeduld wäre taktlos.

Wie beim Sport gönnt man sich und der Kommunikation zuvor einige Aufwärmübungen, dann erst kann sich ein Gespräch angenehm entfalten. Am wichtigsten ist natürlich der Austausch von Informationen, Ideen, Analysen, Prognosen. Franzosen können nie genug Informationen bekommen.

Ein Telefongespräch elegant zu beenden, ist ebenfalls nicht ganz einfach. Ziel ist es, die gute Atmosphäre als positives Echo nachklingen zu lassen. Vor dem Auflegen des Hörers werden wieder artige Komplimente ausgetauscht, wie sie früher bei Hofe nicht viel anders geklungen haben. Spaß an der exzellenten Zusammenarbeit, Glückwunsch zu den kompetenten Mitarbeitern, Dank für die Bemühungen, die Hoffnung, bald das Vergnügen zu haben, einander wiederzusehen, die Freude, die Stimme des Geschäftsfreundes gehört zu haben... In Frankreich liebt man charmante Übertreibungen mehr als nüchterne deutsche Untertreibung. Wer dagegen seinen Unmut ausdrücken will, kommt ohne Worte aus; es genügt, auf die üblichen Komplimente zu verzichten.

Im Geschäftsleben wird - mit oder ohne Telefon - gern und viel gesprochen. Viele Worte werden bewusst als Verpackung eingesetzt; etwa um Unangenehmes weniger schmerzvoll auszudrücken. In Deutschland handelt man sich mit dieser Art von Dekor schnell den Vorwurf des Schwätzers ein. Frei von der Leber weg, offen und ehrlich empfindet man dagegen in Frankreich als schockierende Direktheit und unkultiviert dazu. Das kann schnell als Kriegserklärung verstanden werden.

Auch bei der schriftlichen Kommunikation gibt es Unterschiede. Sobald die deutsche Mitteilung ins Französische übersetzt wird, zeigt sich, wie erschreckend verkürzt und fast ohne Nuancen Inhalt und Ton des Briefes sind. Er kann während der wichtigen Phase der Annäherung als beleidigend grob empfunden werden. Nicht in der Kürze liegt hier die Würze, sondern in Stil und Form, dafür darf er ruhig um einige Sätze länger sein. Umgekehrt hat man in Deutschland Mühe, hinter dem verschnörkelten Darstellungsstil französischer Briefe den Kern der Sache zu finden. Manchmal ist er zwischen den Zeilen versteckt.

Erfolgreich auf dem internationalen Parkett sind nur jene, die die weltweite Kommunikation suchen und sich auf die wechselseitige Beeinflussung einlassen. Das erwies sich bisher als der sicherste Weg, die großen und kleinen Abgründe zwischen den Kulturen zu überwinden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×