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05.01.2002

08:16 Uhr

Serie: Uni-Städte

Berlin: Studium Totale

VonMARIA LOTZ

"Ich studiere in Berlin," ist ungefähr so präzise wie "Ich wohne auf der Erde". In der Vier-Millionen Stadt gibt es eine Vielzahl von Hochschulen. Neben den drei großen Universitäten, der Humboldt Universität (HU) im Herzen der Stadt, der Freien Universität (FU) und der Technischen Universität (TU) im Westen residieren außerdem rund ein weiteres Dutzend Unis, Kunst-, Schauspiel-, und Fachhochschulen an Havel und Spree.

Berlin ist nicht nur Ziel vieler Politiker, sondern auch vieler Studenten. Foto: dpa

Berlin ist nicht nur Ziel vieler Politiker, sondern auch vieler Studenten. Foto: dpa

Die HU und FU haben ein sehr breites, ausgewogenes Studienangebot, die TU setzt erfolgreich einen klaren Schwerpunkt bei Naturwissenschaften und Technik. Im kreativen, künstlerischen Sektor bildet die Hochschule der Künste (HdK) über Stadtgrenzen hinaus die Crème de la Crème. Unter anderem doziert hier Vivienne Westwood in Modedesign. Um als Student in diesen Genuss zu kommen, muss man schon sehr viel künstlerisches Rüstzeug mitbringen.

Wer ein ZVS- oder NC-Fach studiert und via Studienplatztausch nach Berlin wechseln möchte, braucht enorm viel Geduld und Glück. Ein Blick in die Tauschbörsen zeigt: Hat man in Berlin einen Studienplatz ergattert, könnte man theoretisch in jede andere Stadt wechseln. Bleibt nur noch die Frage, ob man das dann will. Denn diese Stadt integriert auf verblüffende Weise alles und jeden, der ihr in die Quere kommt, wenn er es nur zulässt. "Die Stadt bin ich", so wirbt momentan das Berliner Stadtmagazin Zitty auf zahlreichen Plakaten. Eine kaffeebraune Schönheit, ein Orientale jenseits der sechzig und ein paar andere Individualisten mit komischen Hüten und Frisuren bekennen sich zu ihrer Identität. So wie Kennedy schon vor Jahrzehnten: Ick bin ein Berliner. Wieso ist diese Stadt nur so sexy?

Berlin platzt aus allen Nähten

Klar: Size matters. Von der Größe her kann ihr natürlich keiner das Wasser reichen. Allerdings gibt sich Hamburg gediegener, München sauberer und wohlgeordneter. Berlin dagegen sprüht und platzt aus allen Nähten. Alt und Neu prallen aufeinander. Diese Stadt strotzt vor Geschichte ohne starr zu sein. Die futuristische Glaskuppel auf dem historischen Reichstag fällt mittlerweile kaum noch auf. An der Juristischen Fakultät der HU hängen über den klassischen Säulen aus Humboldts Zeiten die Maxime Einheit, Recht, Freiheit - in greller, grüner Neonleuchtschrift. War der Potsdamer Platz vor einigen Jahren noch die größte Baustelle Europas, ist er wahrscheinlich jetzt der modernste Platz Europas: Architektur der kommenden Generation und für Großkonzerne die Brücke nach Osteuropa.

Und wo bleiben die Studenten in dieser Riesenstadt? Für Nebenjobs zeigt sich die lebhafte Start Up Szene besonders attraktiv. Wer nach Börsencrash und Pleiten der New Economy treu geblieben ist, findet hier Arbeit, die Geld und Spaß verspricht. "Hier in Berlin kann man mit den Leuten richtig viel schaffen. Die kommen hierher und wollen alle etwas", erklärt ein Startup Gründer seine Entscheidung für den Standort.

Studentisches Leben spielt sich in und um Berlins Mitte ab

Jenseits von Berlins repräsentativ touristischen Seiten spielt sich das Studentenleben vor allem in den Vierteln unmittelbar um Berlins Mitte ab. Kreuzberg und seit neuestem auch Friedrichshain bieten sowohl bezahlbare Wohnungen als auch ein pralles Nachtleben. Mitte und Prenzl' Berg können mit Szeneangeboten glänzen, allerdings grenzen die Wohnungen dort für die meisten Studenten an finanziellen Ruin. Auf den ersten Blick scheint der Wohnungsmarkt für Großstadtverhältnisse erstaunlich entspannt und billig. Aber Vorsicht: An Wohnungen gibt es zwar viel, aber auch verdammt viel Schrott. Kohleöfen statt Zentralheizung sind keine Seltenheit. Ein Kellerloch ohne Fenster tarnt sich manchmal in der Anzeige als "geräumiges Souterrain". Studenten annoncieren vor allem an den schwarzen Brettern der Unis, in der Zitty, der Zweiten Hand und dem Tip. Bei der Wohnungssuche querbeet lernt man Berlin hervorragend kennen.

Eine Orientierung über die persönlichen Trampelpfade hinaus lohnt sich - das gilt auch für die Nächte. Die Bibeln des Stadtlebens, Zitty und Tip, schlagen an Samstagen um die hundert Konzerte, sechzig Theaterstücke und vierzig Kabaretts vor. Danach beginnt die Zeit für das Szenestudium: Die Bibeln bringen es auf rund einhundertundzwanzig Parties. Wer die kennt, die nicht drinstehen, weiß, was doppelt heiß ist. Beispielsweise Friedrichshain: Das ehemalige Arbeiterviertel im Osten mausert sich zum Szene Distrikt. Döner kosten nur zwei Mark fünfzig, viele Fassaden bröckeln zwar noch einheitsgrau, aber die Szene krönt diesen Stadtteil mit spannendem Underground Charme. Mitten drin die Simon-Dach-Straße, der Kiez, der brodelt. Den Film Sonnenallee gesehen? Gut, denn das ist der Styleguide. Alles, was es schon mal gab, kombinieren, etwas Mut zu schlechtem Geschmack und Wet/Fett Look der Haare. Nach einer durchgemachten Nacht und anschließendem Frühstück im Morgengrauen zwischen Partyvolk, das nur noch von den Kleidern aufrecht getragen wird, mag es einem sorgenvoll dämmern: Man kann nicht in Berlin studieren, man kann nur Berlin studieren.

Fragen zum Studium in Berlin? Schreiben Sie eine E-Mail an Maria .

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Weitere Teile der Serie, in der Studenten über ihre deutschen Unistädte schreiben, finden Sie bei Junge Karriere online unter www.jungekarriere.com.

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