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12.01.2001

13:05 Uhr

"Sinnloses Morden" stoppen

Bauern-Demos gegen Massentötung von Rindern

In Bayern, Hessen und Niedersachsen haben Bauern am Freitag gegen die vollständige Tötung von Rinderherden protestiert, in denen ein BSE-Fall aufgetreten ist. Mehr als 1 300 Landwirte versammelten sich in Celle. Auf Plakaten und Transparenten an den mehr als 200 Traktoren forderten sie die Bundesregierung auf, "das sinnlose Morden" zu stoppen.

Reuters/ddp CELLE/MEMMINGEN/FRANKFURT/M. Rund 350 Bauern kamen auch in Memmingen im Allgäu zusammen, um ihrem Unmut kund zu tun. Rund 100 Bauern aus Bayern und Hessen demonstrierten in Frankfurt am Main vor der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung.

Vertreter des Landvolks schlugen in Celle gegenüber der neuen Ministerin für Verbraucherschutz und Landwirtschaft, Renate Künast (Grüne), allerdings moderate Töne an. Die Bauern wollten beim Umbau der Landwirtschaft mitmachen, sagte Niedersachsens Landvolk-Vize, Werner Hilse. "Die Politik muss aber aufhören, uns als Vergifter der Nahrungsmittel zu titulieren."

In Celle trafen sich die Landwirte am Stall eines Kollegen, in dessen Rinderbestand der zweite BSE-Verdacht in Niedersachsen bestätigt worden war. Das Agrarministerium in Hannover hatte entschieden, nicht von der EU-Linie abzuweichen und alle 105 übrigen Rinder und Kälber töten zu lassen. Der Abtransport der Tiere soll am Montag beginnen. Bisher ist lediglich Bayern ausgeschert und tötet nicht mehr komplette Herden.

Nicht alle Tiere töten

"Macht Schluss mit dem sinnlosen Keulen", sagte der Bauer Christian Mögele unter Beifall bei einer Kundgebung in Memmingen. Bei Mögeles Nachbarn hatten Transporter am Morgen die 143 Rinder abtransportiert, nachdem auf dem Bauernhof in Westerheim ein BSE-Fall aufgetreten war. Mehrere Redner forderten die Bundesregierung auf, nach bayerischem Vorbild nicht mehr alle Tiere töten zu lassen. Es mache keinen Sinn, ganze Herden zu töten, nur weil bei einem Tier die Seuche aufgetreten sei, sagte der Unterallgäuer Landrat Hermann Haisch.

Der betroffene Westerheimer Bauer Leonhard Kirchensteiner hatte sich freiwillig für eine Tötung aller seiner Rinder entschieden, weil er keine Existenzgrundlage mehr sieht. Auch wenn einige Tiere am Leben bleiben dürfen, darf ihre Milch oder Fleisch aus Verbraucherschutzgründen nicht verkauft werden.

Der Deutsche Bauernverband rechnet angesichts der BSE-Krise mit zunehmenden Demonstrationen der Landwirte. "Es geht jetzt langsam los", sagte Sprecher Michael Starp in Berlin. "Die Emotionen gehen wirklich hoch." Vize-Bauernpräsident Wilhelm Niemeyer warnte am Vorabend im ZDF ebenfalls vor Protesten. "Wenn hier nicht in Kürze etwas passiert, da bin ich mir ganz sicher, werden wir auf den Bundesstraßen, auf den Autobahnen freilaufende Kühe, Jungrinder un Bullen zu erwarten haben.

Demonstration auch in Frankfurt

Angesichts der BSE-Krise haben rund 150 Bauern aus Hessen und Bayern am Freitag vor der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung in Frankfurt am Main mehr staatliche Hilfe gefordert. Landwirte, die unverschuldet in eine existenzbedrohende Lage geraten seien, fühlten sich von der Politik alleingelassen, sagte der Vizepräsident des Hessischen Bauernverbands, Heinrich Heidel. In Hessen seien 15 000 Betriebe betroffen. In Bayern sind es nach Angaben des Verbandes 160 000.

Zu der von der Bundesregierung angekündigten Neuausrichtung der Landwirtschaft sagte Heidel, die vereinfachte Formel "Ökolandwirtschaft ist gut und konventionelle Agrarwirtschaft schlecht" sei nicht akzeptabel. Mit ihr würden 98 Prozent aller Tierzuchtbetriebe diskriminiert.

Mehr Stützungskäufe des Bundes gefordert

Die Bauern forderten vom Bund mehr Stützungskäufe. Der zugesagte Aufkauf von 12 000 Tierkörpern sei nicht ausreichend und zudem von kaum erfüllbaren Qualitätsstandards seitens der Bundesanstalt für Landwirtschaft bestimmt. So würden Tiere mit nur kleinen "Schönheitsfehlern", zum Beispiel bei einer Verletzung des Fells, nicht gekauft.

Außerdem sollte nach dem Willen der Bauern die EU-Richtlinie, die den Aufkauf von 400 000 lebenden Rindern in Deutschland vorsieht, zügig umgesetzt werden. Erforderlich seien Gesetze, die die Industriezweige stärker in die Pflicht nehmen, die der Landwirtschaft vor- und nachgelagert seien, hieß es. Während sich die Bauern um eine "gläserne Produktion" bemühten, sei Transparenz und Zuverlässigkeit in der Tierfutter- und fleischverarbeitenden Industrie nicht gewährleistet.

Der Präsident der Bundesanstalt, Günter Drexelius, nannte die Situation der Bauern "katastrophal" und "existenzbedrohend". Die bisherigen Stützungskäufe seien «ein Tropfen auf den heißen Stein». Seine Behörde verstehe sich jedoch als eine Einrichtung, "die versucht zu helfen".

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