Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.01.2001

14:40 Uhr

Skandal kann sich erheblich ausweiten

Skandal um illegale Tier-Medikamente verunsichert Verbraucher

Mitten in der BSE-Krise werden die Verbraucher in Deutschland und Österreich von einem neuen Schweinemast-Skandal verunsichert. Tierärzte aus Bayern stehen im Verdacht, Hunderten von Schweinemästern illegal Arzneimittel verkauft zu haben.

dpa MÜNCHEN/WIEN/BERLIN. Nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" und des "Straubinger Tagblatts" (Samstagausgabe) haben die Staatsanwaltschaften in Landshut und Straubing in der vergangenen Woche in Niederbayern an die 20 Durchsuchungen hauptsächlich bei Veterinären veranlasst. Dabei sei kistenweise belastendes Material sichergestellt worden. In Österreich wurden nach Medienberichten bereits elf Schweinemastbetriebe gesperrt.

Ein Sprecher des bayerischen Sozialministeriums, im Verdacht stünden zwei frei praktizierende Tierärzte. Nach unbestätigten Informationen stammt einer von ihnen aus Straubing, der andere aus Pfarrkirchen. Die niederbayerische Bezirksregierung in Landshut und die jeweiligen Veterinärbehörden bei den Landratsämtern seien an der Untersuchung der Fälle beteiligt. Tierärzte dürfen zugelassene Arzneien frei beziehen, bei sich lagern und an andere abgeben. Die Abgabe darf nach Auskunft des Ministeriums aber nur zur ordnungsgemäßen Behandlung erfolgen.

Die beiden Tierärzte, die im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen, sollen laut "Spiegel" im großen Stil Pharmazeutika gesetzeswidrig in Deutschland und Österreich an Bauern verkauft haben. Darunter seien Hormone und Impfstoffe gewesen, zudem in großem Umfang Antibiotika. Diese können für Menschen gefährlich werden, da bei Infekten die Arzneien unter Umständen nicht mehr wirken.

Nicht zugelassene Präperate vertrieben

Der Bayerische Rundfunk (BR) berichtete am Sonntag, bei dem Straubinger Verdächtigen handle es sich um einen Tiermediziner, der in seiner Tierklinik an die zehn Veterinäre beschäftigt. Laut "Straubinger Tagblatt" wurden allein im Landkreis Straubing-Bogen 16 Objekte durchsucht. Der Straubinger Tierarzt hat dem Zeitungsbericht zufolge "im großen Stil" Medikamente auf vage telefonische Bestellungen hin per Post verschickt. Der Straubinger Veterinär soll auch in Deutschland nicht zugelassene Präparate vertrieben haben. Der Tiermediziner wies die Beschuldigungen im Rundfunk zurück.

Einer der ermittelnden Staatsanwälte sagte dem BR, der Skandal um die verbotene Tiermast könne sich erheblich ausweiten. Man stehe erst am Anfang der Ermittlungen, die das Bayerische Landeskriminalamt (LKA) in München führt.

Auch in Österreich sollen über deutsche Tierärzte eingeführte Medikamente großflächig illegal in der Schweinezucht eingesetzt worden sein. Elf Schweinemastbetriebe wurden bereits wegen Medikamentenmissbrauchs gesperrt. In Niederösterreich wurde über einen Mastbetrieb mit 300 Tieren Quarantäne verhängt, der von der offiziellen Marketingorganisation "Agrarmarkt Austria" (AMA) das Gütesiegel erhalten hatte.

Nach Berichten österreichischer Zeitungen sei eines der illegal verwendeten Medikamente ein Breitband-Antibiotikum. Die Ermittlung in Österreich gestalten sich den Berichten zu Folge schwierig, weil die Razzia offenbar vorher bekannt wurde und etliche Bauern die verbotenen Präparate noch verstecken konnten. Die dennoch auf den gesperrten Bauernhöfen gefundenen Substanzen wurden zur Untersuchung in Labors gebracht. Die Ergebnisse sollen an diesem Montag feststehen.

Das österreichische Magazin "Format" hatte bereits am Freitag in Wien berichtet, deutsche und österreichische Kriminalbeamte hätten in den vergangenen Tagen mehr als 60 Hausdurchsuchungen bei Bauern in der Steiermark, in Niederösterreich, Oberösterreich und in Bayern durchgeführt. Dabei seien Ermittler auf Dutzende illegaler Arzneien gestoßen, die den Schweinen widerrechtlich verabreicht wurden. Die Arzneien könnten nach dem Verzehr des Fleisches beim Menschen zum Teil Krebs auslösen oder das Erbgut schädigen, hieß es. Nach dem Bericht wurde möglicherweise die Hälfte aller 3,5 Mill. Schweine in Österreich mit verbotenen Medikamenten behandelt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×