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17.02.2002

21:10 Uhr

Skandal um den Eiskunstlauf der Paare nur die Spitze des Eisbergs

Misserfolge: Russen suchen Schuldige im Westen

Das erfolgsgewohnte Russland ist zur Halbzeit der Olympischen Winterspiele in Salt Lake City unzufrieden mit dem Abschneiden seiner lediglich vier Mal mit Gold dekorierten Mannschaft. Dabei werden die russischen Sportler nach Moskauer Einschätzung die Opfer von Intrigen und Manipulationen wie früher im Kalten Krieg.

HB/dpa MOSKAU. Der Skandal um den Eiskunstlauf der Paare, bei dem Elena Bereschnaja und Anton Sicharulidse das erste Gold für das Vaterland gewonnen hatten, gilt den Russen nur als Spitze des Eisbergs.

In der Moskauer Presse ist der Ärger von Experten über die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) groß, dem zweitplatzierten kanadischen Paar Jamie Sale/David Pelletier ebenfalls Gold zuzuerkennen. "Das ist durch nichts gerechtfertigt", sagte Sergej Tschetwertuchin, in Sapporo 1972 Gewinner der Silbermedaille im Eiskunstlaufen. "Das geschah nur durch den Lärm, den die amerikanischen und kanadischen Medien erhoben haben." Und wer Druck auf die französische Preisrichterin Marie-Reine Le Gougne ausgeübt hat, bleibt zunächst völlig offen. Russlands Eiskunstlauf- Verband um Präsident Walentin Pisejew will es jedenfalls nicht gewesen sein.

"Jelena und Anton sind drei Köpfe größer als alle anderen", meinte das Eislaufpaar Ljudmila Beloussowa und Oleg Protopopow, die Stars der 60er Jahre, in der Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta". Die dreifache Paarlauf-Olympiasiegerin Irina Rodnina sagte, in Salt Lake City habe sich für den Westen die Chance ergeben, die seit 38 Jahren vorherrschenden Russen endlich vom obersten Treppchen zu stoßen.

"Unsere Eiskunstläufer siegen weiter - allen Kanadiern zum Trotz" schrieb die Zeitung "Wremja MN" zum Doppel-Erfolg von Alexej Jagudin und Ewgeni Pluschenko bei den Herren. Immerhin haben die russischen Kufenstars die erwarteten Medaillen gebracht - im Gegensatz etwa zu den Eisschnellläufern und Skilangläufern. Olga Pylewa besserte mit ihrem Sieg wenigstens die Bilanz der Biathleten auf. Mit je vier Mal Gold und Silber sowie zwei Mal Bronze lag Russland nach 37 von 78 Wettkämpfen nur auf dem vierten Rang der inoffiziellen Nationenwertung. Viel zu wenig für eine Nation, die sich im Wintersport als die Nummer 1 versteht.

Schuld an den fehlenden russischen Erfolgen sind schlechtere Trainingsbedingungen und knappere Gelder seit dem Zerfall der Sowjetunion. Doch Witali Smirnow, immerhin Vizepräsident des IOC, wittert auch eine Art Verschwörung. Dem Westen habe es nicht gepasst, dass bei den Winterspielen früher stets die Sowjetunion und die DDR vorn lagen, meinte er in der Zeitung "Trud". Deshalb sei das Programm um Modesportarten wie Snowboard, SHORT Track oder Skeleton erweitert worden, die in Russland keine Tradition hätten. "Die Konkurrenz in den traditionellen Disziplinen ist unermesslich gewachsen, die neuen haben wir uns noch nicht angeeignet."

Eigentlich können sich die russischen Athleten keine Niederlagen leisten, seit Präsident Wladimir Putin den Sport kurz vor den Winterspielen in den Rang einer nationalen Aufgabe erhob. Einen Ausweg wusste aber der "Moskowski Komsomolez". Die nächsten Spiele sollten in Moskau stattfinden, witzelte das Boulevardblatt: "Um den russischen Sportlern dann gute Resultate zu ermöglichen, werden einfach keine Teilnehmer aus anderen Ländern eingeladen."

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