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01.02.2001

19:00 Uhr

Snowboard-Olympiasiegerin Nicola Thost und ihr Börseninteresse

Nicola Thost: Der stete Blick auf den aktuellen Dollarkurs

VonERICH AHLERS

Als Snowboard-Profi ist Nicola Thost nicht nur auf dem Brett gefordert. Auch auf dem Finanzparkett und im Sponsoringbereich hat sie frühzeitig Eigeninitiative entwickelt. Börsenbegriffe sind ihr daher fast genauso geläufig wie das Vokabular der Boarderszene.

REIT IM WINKL. Ist der Dollar stark, freut sich Nicola Thost. "Die Kursentwicklung verfolge ich genau, schließlich sind meine Sponsorenverträge zur Hälfte auf Dollarbasis abgeschlossen", betont die Snowboarderin, die vor anderthalb Jahren bei den Winterspielen in Nagano als erste Halfpipe-Olympiasiegerin in die Geschichte einging. Seither hat sich einiges geändert im Leben der 22jährigen. "Der Tag müßte 48 Stunden haben. Ich bin im Dauerstreß, auch wenn sich das viele gar nicht vorstellen können", berichtet Thost im Gespräch mit dem Handelsblatt. Aus der Abiturientin von einst ist in kurzer Zeit eine Art jung-dynamische Geschäftsfrau geworden.

Fotoshootings, Filmaufnahmen und Sponsorentermine gehören zu den Pflichtveranstaltungen im Alltag der Nicola Thost, die nach eigener Aussage "ein Drittel des Lebens im Schnee" verbringt. Snowboard-Profi zu sein bedeutet nach ihrer Auffassung nicht nur, Fachbegriffe wie Sketchy, Corkscrew oder Stalefish intus zu haben und dem vielfach beschriebenen lockeren Lifestyle der Szene zu frönen. Im Gegenteil: "Ich habe schon früh viel Selbstverantwortung übernommen, habe mich um die Planung der Reisen zu den Weltcup-Starts und viele andere Dinge gekümmert. Learning by doing war das Motto."

Und da als Weltranglisten-Erste durchaus auch ein paar Mark zu verdienen sind, war das Thema Geldanlage bereits in jungen Jahren präsent. "Als ich mal etwas mehr Zeit hatte, habe ich mich damit intensiv auseinandergesetzt. Und zwar nicht nur mit Bausparverträgen", berichtet Thost und strahlt, als sie von ihren ersten Volltreffern an der Börse erzählt. Mit GfN, einem Anbieter von Computer-Schulungen aus Reutlingen, habe sie mal in kurzer Zeit ihr eingesetztes Kapital verdoppelt. "Da habe ich einen guten Tip bekommen", gilt ihr Dank einem anonymen Ratgeber.

Als die Erfolge auf dem glatten Finanzparkett sich relativ problemlos einstellten, sie wie auf der Piste als Siegerin dastand, weckte dies zumindest im Hinterkopf Begehrlichkeiten. "Da kann man schon auf den Gedanken kommen, daß man damit problemlos viel Geld machen könnte", erzählt die Pforzheimerin, deren Einkünfte immerhin in sechsstellige Bereiche vordringen. Nun, da sie für ihr Alter reich an Erfolgen und Erfahrungen, aber arm an verfügbarer Zeit ist, hat sie ihre monetären Angelegenheiten weitgehend in die Hände professioneller Berater gelegt. Dabei handelt es sich um eine Gesellschaft, die verschiedene Sportler betreut, die vom früheren Michael-Stich-Manager Ralf Scheitenberger vertreten werden. Trotz mehrfacher Nachfrage aber schaffte die Münchener Firma es nicht, wie versprochen die Struktur des Thost-Depots aufzuschlüsseln.

Scheitenberger betreibt Management-Büros in Salzburg sowie München und war nach Thosts Goldgewinn in Japan der Schnellste, als es darum ging, die frischgebackene Sportheldin unter Vertrag zu nehmen. Mittlerweile hat gleichwohl Ernüchterung Einzug gehalten. Werbeverträge hat Scheitenberger seiner Klietin noch nicht besorgen können, trotz zahlreicher Fernseh- und sonstiger Medienauftritte unmittelbar nach den Olympischen Spielen. "Das war damals eine unglaublich turbulente Zeit", seufzt Thost, will ihrem Manager aber ob der mageren Ausbeute keinen Vorwurf machen.

Ihre aktuellen Verträge, fünf an der Zahl, hat sie ausnahmslos selbst akquiriert. Es handelt sich um Vereinbarungen mit Firmen, die im Snowboard-Sport zu Hause sind. Diesen Bereich deckt Nicola Thost noch immer selbst ab, während Scheitenberger Geldgeber aus anderen Branchen überzeugen soll. "Das ist sicher keine leichte Aufgabe. Es gibt ja kaum Medien, die uns regelmäßig präsentieren", bedauert die Schwäbin. Wohl wahr, denn auch von ihrem Weltcup-Erfolg am Ende des vergangenen Winters nahm hierzulande kaum jemand Notiz.

Dabei scheint ihre Sportart auf den ersten Blick prädestiniert zu sein für die Werbung. Junge, freakige, gutgelaunte, sportliche und konsumfreudige Menschen treffen sich zum Happening in den Bergen, das alles kombiniert mit dem Leistungssportgedanken - was wollen potentielle Sportsponsoren mehr? Pauschalurteile jedoch mag Nicola Thost nicht, schon gar nicht jene, die ihren Arbeitsplatz im Schnee naßforsch als winterlichen Ballermann-Ersatz bezeichnen. "Alles Quatsch, dieses Gerede über ewige Orgien und Partys", hat sie mal gesagt. Dazu steht sie noch immer, doch zugleich weist sie auf den besonderen Charakter der locker-flockigen Berufsboarder hin: "Es ist schon ungewöhnlich, wenn Sportler, die verlieren, das so locker hinnehmen wie wir."

Das setzt sich sogar bis zu den Sponsoren fort. Wo gemeinhin Titel gezählt werden, sind hier andere Kriterien von Belang. "Für meine Sponsoren ist ein etablierter Snowboard-Film, in dem ich mitwirke, mindestens genauso wichtig wie Siege bei wichtigen Wettkämpfen", weiß die Goldmedaillen-Gewinnerin, die nebenbei als Windsurferin, Mountainbike-Fahrerin und Golferin sportliche Ambitionen hegt.

Nachvollziehbar, daß die Zeit für ein ursprünglich angedachtes Politikstudium fehlte. Akademische Überlegungen sind nicht mehr akut, die Tagesaktualität hat Vorrang. Und damit auch ihr Marktwert: "Manchmal denke ich: Gibt s doch nicht, daß in Deutschland ein solches Potential nicht genutzt wird. Wir Snowboarder ließen uns doch eigentlich gut vermarkten."

Eigentlich, so gibt die 1,63 Meter große Powerfrau zu, "juckt es in den Fingern". Am liebsten würde sie den unbefriedigenden Zustand im Vermarktungssektor - die Kollegen aus den Vereinigten Staaten schneiden weitaus besser ab - eigenhändig ändern. Ist die Nachfrage schwach, ärgert das eine Nicola Thost.

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