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19.01.2005

09:39 Uhr

So seh ich es

Die überflüssige Mautdiskussion

VonLothar Späth

Nachdem das Thema LKW-Maut im vergangenen Jahr so viel Ärger verursacht hat, könnte 2005 das Jahr von Toll Collect werden. Man darf sich auf Grund des erfolgreichen Auftaktes des neuen deutschen Mautsystems wohl fragen, warum das Projekt des Herstellerkonsortiums, hinter dem sich u. a. die Schwergewichte Daimler-Chrysler und Deutsche Telekom verbergen, nicht ohne diesen Makel eines zwischenzeitlichen Fiaskos wegen fehlerhafter On- Board-Units, Termine und Haushaltslöcher in die Erfolgsgeschichte deutscher Ingenieurleistung hat eingehen können.

Dass es sich bei der Entwicklung eines neuartigen, satellitengestützten Mautsystems nicht um planungssichere Routine handelt, hätte man von Beginn an in der wirtschaftlichen und politischen Planung entsprechend würdigen müssen. Der dadurch unnötig verursachte Prestigeverlust ist bedauerlich und wird die internationale Vermarktung des Systems hoffentlich nicht bremsen.

Der nun verfolgte Plan, in zwei Stufen vorzugehen, erweist sich jedenfalls als vernünftig. Das deutsche System bekommt erst einmal Gelegenheit, seine Funktionsfähigkeit als Mautsystem im international eher üblichen Funktionsumfang unter Beweis zu stellen. Die vollen Vorzüge, die sich durch die Satellitennutzung ergeben, werden sich dagegen erst in der technisch anspruchsvolleren zweiten Phase, die mit dem 1. Januar 2006 beginnt, zeigen können. Dann soll eine Update-fähige Software die On-Board-Units aufrüsten und das System flexibler machen. Indem dann Gebühren der Verkehrslage angepasst werden können, wird man in der Lage sein, den Verkehr zu entzerren. Wenn dies im kommenden Jahr genauso reibungslos verläuft, ist ein echter Meilenstein auf dem Weg in eine moderne Verkehrsgesellschaft geschafft.

Es ist nicht zuletzt diese Option der zweiten Phase, warum einige der EU-Mitgliedstaaten, namentlich Tschechien, Ungarn, Polen, Schweden und Großbritannien, die Einführung in Deutschland mit hohem Interesse verfolgen. Diese Staaten planen, in Kürze ebenfalls ein Mautsystem einzurichten. Und da sollte die Lösung des deutschen Konsortiums Toll Collect nicht unbeachtet bleiben. Wenn sie wirtschaftlich ein Erfolg werden soll, so muss zumindest der ein oder andere dieser Staaten sich ebenfalls für das satellitengestützte System entscheiden. Bleibt Deutschland der einzige Anwender, können sich die hohen Entwicklungskosten nicht amortisieren.

Das Interesse sollte in einer strategischen Perspektive liegen - auch und gerade im Hinblick auf ein leistungsfähiges, einheitliches Mautsystem auf den Straßen des transeuropäischen Netzes. Aber kaum dass die Lastwagen und der Rubel auf Deutschlands Straßen zu rollen begonnen haben, fängt schon wieder die typische Diskussion über die erreichbare Höhe der Mautgebühr an. 12,4 Cent pro Kilometer Autobahn sind etwa nach Ansicht der Grünen zu wenig. Gefordert werden etwa 15 Cent.

Doch anstatt sich zum jetzigen Zeitpunkt phantasielos über die finanzielle Feinabstimmung bei den Gebühren zu streiten, sollte man sich vielmehr darüber klar werden, welche strategischen Potenziale darüber hinaus in der neuen Technologie liegen. Auf zwei, drei Cent mehr oder weniger kommt es im Moment nicht an. Das ist eher Kleinkrämerei und verwischt die ursprünglichen Zielsetzungen, die man beim ersten Etappensieg nicht aus den Augen verlieren darf.

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