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24.01.2007

10:24 Uhr

So seh ich es

Die Verschwendung von Wissen

VonLothar Späth

Es ist ja durchaus in Ordnung, wenn sich die Politik etwa mit der Debatte über Mindestlöhne um die Probleme und Sorgen von Menschen kümmern will, die im Niedriglohnsektor arbeiten. Man darf aber nicht verkennen, dass der Schlüssel zu einer Wohlstand sichernden Beschäftigungspolitik nicht im Niedriglohnsektor liegt.

Vielmehr müssen alle Anstrengungen darauf gerichtet werden, Menschen in möglichst hochproduktive Berufe zu führen. Es ist kein Geheimnis mehr, dass Bildung hier die entscheidende Rolle spielt. Und es ist ebenso bekannt, dass diejenigen Gesellschaften, die in den Bereichen der Spitzentechnologie Pionierarbeit leisten, im internationalen Wettbewerb damit entscheidende Vorteile erwerben und damit ein Leben auf hohem Wohlstandsniveau erst ermöglichen.

Deutschland hat lange Zeit die Rolle des innovativen Technologiepioniers hervorragend ausgefüllt und damit die Grundlage für Wohlstand und Beschäftigung geschaffen. Unser Bildungssystem galt früher einmal weltweit als vorbildlich. Und unsere zahlreichen hoch qualifizierten Wissenschaftler waren stets ein entscheidender Standortfaktor, wenn es um Spitzentechnologie ging. Die Diskurse sowie zahlreiche sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Analysen der letzten Jahre haben aber deutlich gezeigt, dass Deutschlands Spitzenposition stark gefährdet ist. Auch daran will heute niemand mehr zweifeln.

Man denke in diesem Zusammenhang nur an zwei sehr bedenkliche Phänomene: die anhaltende Flucht unserer Jugend aus den naturwissenschaftlichen Fächern und den so genannte Brain-Drain, also die Abwanderung hoch gebildeter junger Wissenschaftler in Länder, wo man ihnen bessere Arbeitsbedingungen als hier zu Lande bietet.

Doch obwohl wir die große Bedeutung von Forschung anerkennen und die beiden genannten Phänomene beklagen, gehen wir an anderer Stelle sogar verschwenderisch mit dem Faktor Humanvermögen um. Zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr finden viele voll ausgebildete Wissenschaftler, die es nicht geschafft haben, eine der wenigen freien Professorenstellen an Deutschlands Universitäten zu ergattern, keine berufliche Perspektive.

Das Bemerkenswerte daran ist: Es tragen auch hier nicht zuletzt arbeitsrechtliche Restriktionen Schuld am Karriereknick. Eigentlich sollte das weit reichende Verbot von seriellen Zeitverträgen den öffentlichen Arbeitgeber dazu motivieren, dem wissenschaftlichen Nachwuchs unbefristete Arbeitsverträge anzubieten. Doch die Universitäten wählen meist einen anderen Weg, um mit dem Gesetz nicht zu kollidieren. Die Hochschulen trennen sich im Normalfall lieber nach spätestens zwölf Jahren von vielen ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter.

Länder wie die Vereinigten Staaten, Kanada und Großbritannien freuen sich über die großzügige Auslese des deutschen Wissenschaftsbetriebs und heuern die wegen arbeitsrechtlicher Komplikationen aussortierten Forscher gern an. Billiger kann man für wissenschaftlichen Nachwuchs schließlich kaum sorgen.

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