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05.01.2005

09:08 Uhr

So seh ich es

Entwicklung einer „Leidkultur“

VonLothar Späth

Es war plötzlich ein anderer Jahreswechsel. Die Feuerwerkskörper blieben meist am Boden, die sonst lauten Partys wurden eher zu Begegnungen, bei denen sich Gespräche mehr um die Bilder des Grauens im Fernsehen als um die persönlichen Hoffnungen und Sorgen für das neue Jahr drehten.

Die Natur, die Schöpfung selbst, hatte unvorstellbares Leid über Millionen Menschen gebracht - an den schönsten Stränden der Welt, wo der moderne Tourismus Einzug gehalten hat, und zugleich bei den hilflosen Bewohnern in den unberührten und unerschlossenen Inselwelten Asiens. Menschen aller Religionen hadern mit ihren Göttern und wollen nicht verstehen, was da geschehen ist.

Natürlich können uns die Forscher erklären, was da physikalisch an den Reibungsflächen der Erdplatten passiert ist. Aber selbst die klügsten Köpfe können sich nicht vorstellen, dass eine solche Naturkatastrophe vermeidbar wäre. Auch die gängigen Erklärungen über die selbst verschuldeten Veränderungen des Klimas und anderer Lebensbedingungen auf unserer Erde helfen uns dieses Mal nicht.

Demütig muss der Mensch erkennen, dass er die Schöpfung nicht beherrschen kann. Und dennoch sollten wir das, was wir gesehen haben und noch nicht begreifen können, nutzen, um aus dem Erleben dieses Jahreswechsels zu lernen.

Zuerst zu der weltweiten Hilfsbereitschaft. Plötzlich wurde in den modernen Industrieländern Armut wieder als ein relatives Phänomen gesehen. Wer die Bilder der Menschen sah, die ihre Familien sowie ihr Hab und Gut verloren hatten und geschockt und hilflos umherirrten, wusste, dass er eigentlich reich ist und in jedem Fall noch etwas abgeben kann. Es wird sich zeigen, dass noch nie in der Geschichte in so kurzer Zeit so viele private Spenden gesammelt wurden und die Hilfsbereitschaft so groß war.

Die Regierungen in aller Welt, die lange Zeit das Thema Entwicklungshilfe für die Dritte Welt wegen ihrer Haushaltsprobleme verdrängt hatten, stellten unbürokratisch und an dem täglich wachsenden Bedarf orientiert weitere Finanzierungsmittel für die ersten Hilfsmaßnahmen zur Verfügung. Wer wollte schon eines Tages lesen, dass z.B. in Deutschland mehr Geld für Feuerwerkskörper zum Jahresende verpulvert wurde, als Spenden für die Not der Flutopfer aufgebracht werden konnten?

Keiner diskutierte die Frage, welchen Religionen oder Nationen die Menschen, die von der Katastrophe betroffen waren, oder die Helfer angehören.

Wir Deutschen waren stolz darauf, dass unsere Bundeswehr in der Lage war, eine fliegende Intensivstation im Airbus zur Verfügung zu stellen - nicht nur um die lebensgefährlich verletzten Landsleute, sondern auch um die anderen Europäer aus dem Katastrophengebiet auszufliegen. Plötzlich ging so vieles ohne Bürokratie und Bedenken.

Und wie gut fanden wir es, wie professionell unsere Regierung und die Behörden - vor allem das Auswärtige Amt - mit Krisenstäben Informationssysteme organisierten und wie selbstverständlich die so oft gescholtenen Beamten in die Krisenregionen flogen, um ihre Aufgaben und vieles darüber hinaus zu übernehmen.

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