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26.01.2005

08:25 Uhr

So seh ich es

Mit Einstein in den Reformstau

VonLothar Späth

"Eine tiefgründige und gleichzeitig spielerische Bildung ist für eine Hochtechnologiegesellschaft wie Deutschland von zentraler Bedeutung."

Nachdem ich kürzlich an dieser Stelle darüber spekuliert habe, ob das Jahr 2005 das Jahr von Toll Collect oder das Jahr von Hartz IV werden könnte, will ich mich in dieser Woche einmal auf unumstößliche Tatsachen beziehen. Das Jahr 2005 hat nämlich in jedem Fall noch weitere Namensgeber, deren Verdienste bereits feststehen: Friedrich Schiller, der vor 200 Jahren gestorben ist, sowie Albert Einstein, der vor fünfzig Jahren aus dem Leben trat und dessen bahnbrechende Relativitätstheorie gleichzeitig seit hundert Jahren unser Weltbild prägt.

Der Dichter und der Denker - ein Paar, das in der aktuellen Identitätskrise Deutschlands hohe Symbolkraft besitzt: Es verkörpert den Wert einer auf Kreativität ausgerichteten Bildung. Der Freiheitsdichter Schiller, der für viele Deutsche lange Zeit eine verehrte Kultfigur war, und der Querdenker Einstein, der für geistige Unabhängigkeit und ein Wissenschaftsverständnis steht, das nicht von Konformismus, sondern von Neugier und Phantasie geprägt ist, werden daher prinzipiell zu Recht gefeiert.

Doch - wie auch im sonstigen Leben - reicht Feiern alleine nicht aus. Wer die großen Köpfe der Vergangenheit und deren Leistungen für die Gesellschaft feierlich beweihräuchert, der verpflichtet sich automatisch, gleichzeitig alles dafür zu tun, dass auf diesem Humus auch in Zukunft ausreichend Früchte nachwachsen können. Schiller und Einstein sind ebenso Produkte wie auch Produzenten deutscher Bildungskultur. So schließt sich der Kreis, auf den eine Gesellschaft stolz sein kann und auf dem die - dieser Tage so häufig geforderten - patriotischen Gefühle wachsen können. Über den heutigen Zustand des Bildungssystems wären die Gefeierten indes wohl wenig erfreut. Die Einsicht muss wachsen, welche zentrale Bedeutung eine tiefgründige und gleichzeitig spielerische Bildung für eine Hochtechnologiegesellschaft wie Deutschland besitzt.

Das schien die Politik eigentlich begriffen zu haben. Man erinnere sich daran, dass vor einem Jahr die Bundesregierung das "Jahr der Innovation" ausrief. Damals fragte man sich, was Bund und Länder im Sinne einer Steigerung der Innovationsintensität wohl veranstalten würden.

Heute kennen wir die Antwort: nichts. Obwohl es mehrere Ansatzpunkte gibt, die man eigentlich allesamt hätte verfolgen müssen, hat man gerade einmal eine Ebene ins Visier genommen: die Förderung von Bildung und Forschung im Hochschulwesen. Die Überlegung ist einfach: Ein Land, das seinen Wohlstand nicht auf wertvolle Rohstoffvorkommen bauen kann, benötigt Ideen für neue Produkte und neue Lösungen. Nur hierauf kann es seinen Wohlstand begründen. Es muss daher in Menschen und Forschungsinstitutionen investieren.

In Menschen investieren heißt, der Bildung eine gesellschaftspolitische Priorität beizumessen. Mit Bildungsausgaben von insgesamt 5,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts scheint das jedoch nicht der Fall zu sein. Der Durchschnitt der OECD-Länder liegt bei 6,2 Prozent. Die USA geben 7,3 und Südkorea sogar 8,2 Prozent aus. Die Pisa-II-Studie über die Qualität der Schulbildung in vierzig OECD-Ländern hat den Verdacht, dass die Bildung an Deutschlands Schulen nicht mehr zeitgemäß ist, erneut bestätigt. Deutschlands Schüler belegten in allen vier Testbereichen nur mittlere Plätze - darunter Naturwissenschaften Platz 18 und Problemlösen Platz 16.

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