Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.01.2007

10:57 Uhr

So seh ich es

Naturwissenschaft statt Selbstinszenierung

VonLothar Späth

Die Ingenieur- und Naturwissenschaften befinden sich in der Krise. Der Bedarf an Ingenieuren steigt in Deutschland stetig, gleichzeitig aber wird der Anteil derer, die sich für ein entsprechendes Studium entscheiden, immer geringer. Unsere Gesellschaft muss sich wieder stärker für die Beherrschung moderner Techniken interessieren.

Wenn man heute in Deutschland ein Kind fragt, was es später einmal werden wolle, so wird man die klassische Antwort "Lokomotivführer" oder "Astronaut" wohl nur noch selten zu hören bekommen. Ein kindlicher Berufswunsch ist für gewöhnlich ja nicht gleich der Beginn einer Karriere.

Damals wie heute ist es dann doch die Ausnahme, wenn sich eine kindliche Berufsphantasie unter den sich langsam erschließenden realen Bedingungen tatsächlich auch erfüllt. Dennoch verstecken sich in der Gesamtbetrachtung gerade hinter den frühen naiven "Lebensentwürfen" von Kindern bei näherem Hinschauen wichtige Informationen über den Weg, den unsere Gesellschaft nimmt.

In den Wünschen der Kinder, denen zunächst einmal die Welt noch vollkommen offen steht, spiegeln sich die gelebten Wertehaltungen der Gesellschaft wider. Denn welches Kind möchte nicht gerne einen Beruf ergreifen, der hoch in der Wertschätzung der sozialen Umgebung steht? Lokomotivführer und Astronauten waren lange Zeit Galionsfiguren der modernen Industriegesellschaft. Inhaltlich waren diese Jobs auch für kleine Kinder konkret fassbar und standen quasi für die Beherrschung komplexer Technologie.

Ich glaube daher nicht, dass es zu spitzfindig ist, wenn man unterstellt, dass sich die kindlichen Berufswünsche geändert haben, weil sich unsere Gesellschaft mit der Beherrschung von moderner Technik nicht mehr so stark identifiziert wie früher, geschweige denn den "Fortschritt durch Technik" mit Leidenschaft betreibt. Unsere Gesellschaft betet mittlerweile andere Götter an. Doch diese können fatalerweise den Fortbestand der Wohlstandsgesellschaft nicht sichern. Sie verleiten eher zum Hedonismus und verführen zur Oberflächlichkeit.

Wolfram Weimer, Chefredakteur der Zeitschrift "Cicero", konstatierte in der November-Ausgabe, wir hätten in Deutschland eine seltsame Hierarchie von Wichtigkeiten etabliert, die die technische und naturwissenschaftliche Intelligenz gering schätze, die geisteswissenschaftliche höher und die "inszenatorische", wie er sie nennt, am höchsten. Die Heldenkultur von einst, welche sich auf Entdecker, Erfinder und Tüftler konzentrierte, sei der Welt der Models, Fußballer und Showmaster gewichen. In dieser Welt dominiere Marketing alles, selbst die Förderungsanträge für Grundlagenforschung.

In der Tat spricht einiges dafür, dass Deutschlands Bürger sich mehr auf die Suche nach Superstars konzentrieren als auf die Suche nach Superhirnen. Und man darf annehmen, dass diese Inszenierungskultur, welche diejenigen am meisten belohnt, die sich am besten selbst in Szene setzen können, den Nachwuchs und seine beruflichen Prioritäten nicht unberührt lässt.

Wenn man die Scharen junger Menschen betrachtet, die in den letzten Jahren für die Krönung zum Superstar oder Supermodel alle Strapazen und Demütigungen wohlwollend in Kauf genommen haben, und wenn man sieht, wie sich das ganze Land vor den Bildschirmen dafür begeisterte, neigt man schon dazu, Weimers These spontan zu folgen. An seiner Kritik scheint etwas dran zu sein, das über das übliche "Früher war alles besser" hinausgeht. Es gibt außerdem harte Zahlen, die seine These stützen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×