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21.01.2004

06:42 Uhr

So seh ich es

Zivilgesellschaft statt Zivildienstleistende

VonLothar Späth

Die Erfahrungen der letzten Jahre lassen die Zweifler an der Notwendigkeit einer Reform der Bundeswehr langsam verstummen. Zur Verteidigung der Landesgrenzen im geteilten Europa von gestern benötigte man noch andere Schwerpunkte als im Europa von heute, das jetzt insbesondere weltpolitisch seine Rolle finden muss. Hier kommt es auf die Einsatzfähigkeit einer gut ausgebildeten Truppe an, die letzten Endes nur durch eine Berufsarmee gewährleistet werden kann. Die Einsicht hierüber scheint sich weiter durchzusetzen.

Skeptisch gegenüber dieser Entwicklungstendenz bleiben viele jedoch auf Grund eines ganz anderen, fachfremden Arguments: Wenn man in Deutschland die allgemeine Wehrpflicht abschaffe, verschwinde auch der alternative Zivildienst.

Doch soll man weiter wie bisher jungen Männern die Wehrpflicht abverlangen, um über den einhergehenden Wehrersatzdienst die Kranken- und Altenpflege sowie die Behindertenbetreuung finanzieren zu können? Nein, es handelt sich um zwei inhaltlich vollkommen getrennte Themenbereiche - und man sollte sie auch getrennt lösen.

Die Tatsache, dass sich der Zivildienst im Laufe der Geschichte der Bundesrepublik zu einem kleinen Ventil für den Kostendruck in den Sozialsystemen entwickelt hat, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies erstens weder seine eigentliche Aufgabe war, noch das Problem im sozialen Bereich langfristig zu beheben in der Lage ist.

Seit 1990 schwankt die Zahl der Zivildienstleistenden zwischen 80 000 und 140 000. Derzeit befinden sich rund 95 000 in der Pflicht, für den der Bund jährlich 843 Mill. Euro zahlt. Rund 80 Prozent dieser jungen Menschen arbeiten direkt im betreffenden Pflege- und Versorgungsdienst - davon 20 000 in Krankenhäusern. Anhand dieser vergleichsweise bescheidenen Zahlen stellt sich das Problem als eher unbedeutend dar. Lösbar ist es über Steuergelder oder Gebühren dennoch nicht.

Die angespannte und perspektivlose Lage in den Sozialkassen und den öffentlichen Haushalten verhindert eine vollständige Professionalisierung der Sozialdienste. Während die unprofessionellen Zivildienstleistenden rein rechnerisch stündlich jeweils nur etwa 2,50 Euro kosten, muss für ausgebildetes Fachpersonal ein Vielfaches bezahlt werden. Diese Differenz kann auch durch die höhere Produktivität und den effizienteren Einsatz nicht ausreichend verringert werden.

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