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29.01.2002

13:09 Uhr

So viele Privatkredite wie nie zuvor

Schulden-Rekord lähmt den Konjunkturaufschwung

VonOlaf Storbeck

Um einen Termin bei Gabi Hellendahl zu bekommen, muss man sich zwei bis drei Monate gedulden: "Unsere Warteliste wird immer länger", erzählt die Schuldnerberaterin des Sozialdienstes Katholischer Frauen und Männer in Düsseldorf.

DÜSSELDORF. Längst kämen nicht mehr nur Sozialhilfeempfänger, die einfach nicht mit Geld umgehen können - in der Schuldenfalle säßen zunehmend auch Leute aus der Mittelschicht, die ihren Job verloren haben. "Die Situation wird immer schlimmer", sagt Hellendahl.

Überschuldung ist nicht nur für den Betroffenen selbst eine Katastrophe, auch für die gesamte Volkswirtschaft können zu viele Privatkredite Probleme bringen - Schulden als Hypothek für den Aufschwung?

Fakt ist: Privatleute haben sich in den 90er-Jahren so stark verschuldet wie nie zuvor - in Deutschland, Großbritannien und in den USA: US-Bürger zum Beispiel machten im dritten Quartal 2001 7,8 % mehr Schulden als im Vorjahreszeitraum. Die Briten "finanzieren ihre laufenden Ausgaben zunehmend auf Pump", berichtet John Butler, Volkswirt bei HSBC. "Die Geschwindigkeit, in der die Schulden in den vergangenen sechs bis neun Monaten gestiegen sind, ist alarmierend." Auf der Insel machen Kredite heute 109 % des verfügbaren Einkommens der privaten Haushalte aus, 1987 waren es nur 77 %. Ähnlich war die Entwicklung in Deutschland und den USA.

Im schlimmsten Fall kann der Schuldenboom den privaten Konsum bremsen. Und vor allem von der Konsumlust hängt ab, ob sich der beginnende Aufschwung nur als Strohfeuer entpuppt. Derzeit sind die privaten Konsumausgaben in den G-7-Staaten so hoch wie nie zuvor. Laut UBS Warburg liegt ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt bei 63 % - Anfang der 90er waren es noch rund 61 %. Weil gleichzeitig die Sparquoten gesunken sind, gibt es kaum zurückgestaute Nachfrage, die die Konjunktur nach oben ziehen könnte.

Zwei Dinge machen die Schulden zu einer Gefahr für den Konsum: steigende Arbeitslosigkeit und höhere Zinsen. Wer seinen Job verliert, bekommt oft Probleme, seine Zinsen zu bezahlen, auch für Konsum bleibt weniger übrig. Wenn in Großbritannien das Beschäftigungsniveau um 1 % sinken würde, reduzierten sich die Konsumausgaben etwa um 0,75 %, schätzt HSBC. Hier zu Lande sei der Effekt geringer, meint Stefan Bielmeier von der Deutschen Bank. "In Deutschland ist die Konsumquote relativ konstant."

Zweites Risiko sind steigende Zinsen: Mit ihnen klettert die reale Schuldenlast. Zwar rechnen Volkswirte in naher Zukunft unisono nicht mit steigenden Leitzinsen. Weil aber in den USA, wie auch in Europa die Inflation 2002 deutlich sinken dürfte, klettern die Realzinsen (Nominalzinsen minus Inflationsrate) - in den USA bis zur Jahresmitte auf 0,5 %, in Europa zum Ende des Jahres auf 2 %, so UBS Warburg. Zumindest die deutschen Konsumenten würden davon nicht viel merken, meint Elga Bartsch, Ökonomin bei Morgan Stanley: "Anders als Amerikaner und Briten verschuldet sich der deutsche Verbraucher eher langfristig." Bei Langfristkrediten ist der Zins meist über mehrere Jahre fest. Die geringere Inflation habe zudem den positiven Effekt, dass "die Kaufkraft der Haushalte steigt, was die private Nachfrage stützt".

Bill Dudley, US-Chefökonom bei Goldman Sachs gibt auch für die USA Entwarnung: Zwar sei der hohe Schuldenstand "beunruhigend", es gebe aber "wenig Hinweise" , dass die Rekordschulden einen Aufschwung verhindern. Noch hätten die Banken den Kredit-Hahn für Privatleute nicht abgedreht.

Mittelfristig könnten der Schuldenboom zumindest für Großbritannien zum Risikofaktor werden, "falls die Schulden 2002 weiter steigen," sagt HSBC-Mann Butler. Noch könnten "die Konsumenten ein paar schlechte Nachrichten wie höhere Arbeitsplatz-Unsicherheit verkraften, ohne dass dies zu einem scharfen Wechsel vom Konsum hin zu mehr Sparen führt." Der private Verbrauch auf der Insel werde 2002 um knappe 3 % nach 4 % im vergangenen Jahr wachsen, schätzt HSBC.

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