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13.07.2000

13:04 Uhr

Software kann jeden Schritt eines Internet-Nutzers verfolgen

FBI-Programm greift systematisch in Privatsphäre ein

Seine Entwickler selbst gaben dem Programm den Namen "Carnivore", Fleischfresser. Mit Brachialgewalt wühlt sich das Schnüffelmonster durch Millionen Mails. Das FBI hält den Einsatz für unproblematisch.

dpa WASHINGTON. Ein neues Schnüffelprogramm des FBI für E-Mails beunruhigt in den USA Datenschützer und die großen Online-Dienste. Das als "Carnivore" (Fleischfresser) bezeichnete Programm der amerikanischen Bundespolizei kann unter Millionen elektronischen Botschaften jede Mail eines Verdächtigen aufspüren. Außerdem verfolgt das Programm, in welchen Chat-Room sich der Verdächtige aufhält und welche Seiten er im Internet anschaut.

Die FBI-Entwickler in Quantico nannten ihr Programm Fleischfresser, weil es in der unglaublichen Datenmenge des Netzes sofort das gesuchte Stückchen Fleisch findet. Nach Informationen des "Wall Street Journal" muss das Programm dafür aber direkt mit dem Netzwerk der Internet-Provider wie AOL verbunden werden. Und dagegen regt sich Widerstand: "Wir haben einige schwerwiegende Sorgen", erklärte Jeff Richards, zu dessen Verband "Internet Alliance" die großen Onlinedienste AOL und WorldCom zählen.

Der republikanische Kongressabgeordnete und Rechtsexperte Bob Barr zeigte sich erschrocken über die Möglichkeiten des Programms: "Wenn ich ein Wort nutzen müsste, um das Ganze zu beschreiben, dann würde ich 'erschreckend' wählen." James Dempsey vom Zentrum für Demokratie und Technologie zeigte sich in der "Washington Post" besorgt darüber, dass die Regierung ihr System ausweiten könnte, um noch mehr Daten auszuwerten.

Bundespolizei will Programm erst 50 Mal eingesetzt haben

Das Bundeskriminalamt FBI versicherte, es werde "Carnivore" nur mit richterlicher Genehmigung einsetzen. Bisher sei es erst 50 Mal zur Überprüfung Verdächtiger benutzt worden. Das Programm sei lediglich der Versuch des FBI, mit der neuen Technologie Schritt zu halten. Doch Datenschützer sind da skeptisch. Dempsey erklärte, niemand wisse, ob das Programm wirklich nur das mache, was die Regierung behaupte. Andere Experten wiesen darauf hin, dass niemand überprüfen könne, ob die FBI-Mitarbeiter wirklich nur die Mails des Verdächtigen mit lesen würden.

Nach Verdächtigen wird gefahndet - die Daten von Millionen werden gelesen

Der erste Internet-Provider ist bereits vor Gericht gezogen. Das Anwaltsbüro Hogan and Hartson gab bekannt, es vertrete einen ungenannten Provider, der sich dagegen wehre, dass alle Mails seiner Kunden überprüft würden. Dies stellt auch einer der Hauptkritikpunkte dar. Der elektronische Cop muss auf der Suche nach der richtigen Mail Millionen andere Mails überprüfen. Dazu liest es den Absender, den Adressaten und die Titelzeile aller Mails, die über den Onlinedienst gehen.

Die Ermittler erhalten aber nur die Mails, die sie gesucht hatten. Alle anderen Daten werden nach Angaben des FBI ignoriert, so dass niemand Sorge haben müsse, dass seine Mails kontrolliert würden. Der ehemalige Bundesermittler für Computerverbrechen, Mark Rasch, sagte im "Wall Street Journal", auf die Telefonüberwachung bezogen würde dieses Verfahren bedeuten, dass alle Telefongespräche abgehört würden, um ein einziges Gespräch des Verdächtigen mitzuhören.

Datenschützer vergleicht Carnivore mit Abhörprogramm Echelon

Auch der Datenschützer David Sobel erklärte im Nachrichtensender Foxnews, die neue Methode sei viel tief greifender als eine Telefonüberwachung. Es schnüffle einfach alles durch. Er verglich es mit dem umstrittenen Echelon-Abhörprogramm der Nationalen Sicherheitsagentur NSA, bei der internationale Ferngespräche abgehört und auf Schlüsselwörter wie Bombe oder Kokain hin überprüft werden.

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