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03.01.2001

17:27 Uhr

Sorge vor Spätschäden durch Uran-Munition aus Kosovo-Krieg

Italien fordert NATO-Untersuchung des Balkan-Syndroms

Italien hat von der NATO die Untersuchung des Todes ehemals auf dem Balkan stationierter Friedenssoldaten gefordert, deren Erkrankung auf den Kontakt mit radioaktiven Uran-Geschossen zurückgeführt wird. Die Sorge in Italien über die als Balkan-Syndrom bezeichnete Erkrankung sei mehr als berechtigt, sagte Ministerpräsident Giuliano Amato am Mittwoch in einem Interview.

Reuters ROM. Die NATO hatte im Kosovo-Krieg 1999 Uran-Geschosse als panzerbrechende Munition eingesetzt. Auch in anderen Ländern wächst die Sorge vor Spätschäden durch den Kontakt mit Resten von Uran-Munition.

Außenminister Lamberto Dini sei angewiesen worden, von der NATO Aufklärung über die Todesfälle zu fordern, sagte Amato der Tageszeitung "La Repubblica". Sechs italienische Soldaten, die in den 90er Jahren im früheren Jugoslawien gedient hatten, sind seitdem an Leukämie gestorben. Amato sagte, bislang sei man davon ausgegangen, dass die Uran-Geschosse nur im Kosovo, nicht aber in Bosnien eingesetzt worden seien. Für die Geschosse wird abgereichertes, das heißt nur noch schwach radioaktives Uran verwendet. Jugoslawische Experten sagen, die Strahlung reiche aus, um Krebs zu erregen. Das US-Verteidigungsministerium hat erklärt, von den Resten der Geschosse gehe keine Gesundheitsgefahr aus.

Amato sagte, zudem habe man immer geglaubt, dass nur unter sehr außergewöhnlichen Umständen eine Gefahr von den Geschossen ausgehen könne. Diese Annahmen seien nun in Frage gestellt. Italiens Verteidigungsminister Sergio Mattarella sagte in einem ebenfalls am Mittwoch veröffentlichten Interview, dass die NATO erst im vergangenen Monat mitgeteilt habe, dass Uran sowohl im Kosovo als auch in Bosnien eingesetzt worden sei.

Eine NATO-Sprecherin in Brüssel sicherte Italien die volle Unterstützung bei der Aufklärung über die Verbreitung der Uran-Geschosse zu. Medienberichten zufolge wurden rund 30 000 Uran-Geschosse eingesetzt. Uran wird wegen seines hohen spezifischen Gewichtes für Wuchtgeschosse verwendet, deren Bewegungsenergie sich beim Aufprall in Hitze umwandelt. Deshalb können sich solche Geschosse auch durch Stahl und Stahlbeton brennen.

In Italien forderte die Neue Kommunistische Partei (RC) als Reaktion auf die Äußerungen Amatos den sofortigen Abzug der italienischen Friedenstruppen aus dem früheren Jugoslawien. RC-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, Franco Giordano, verlangte zudem den Rücktritt des außenpolitischen Koordinators der Europäischen Union (EU), Javier Solana, der zur Zeit des Kosovo-Krieges NATO-Generalsekretär war. Eine Vereinigung, die die Familien der sechs toten Soldaten vertritt, sagte, dass die Soldaten zu spät von der NATO über den Umgang mit der Uran-Munition informiert worden seien.

Bisher keine medizinischen Belege

Italienische Medien haben die Todesrate unter den rund 60 000 ehemaligen Friedenssoldaten und 15 000 zivilen Mitarbeitern Italiens, die in den 90er Jahren auf dem Balkan im Einsatz waren, als auffällig hoch bezeichnet. Dagegen können Mediziner einen Zusammenhang zwischen den Todesfällen und den Uran-Geschossen nicht belegen.

Belgien hatte am Freitag die Staaten der Europäischen Union (EU) aufgefordert, bei der Erforschung des Balkan-Syndroms zusammenzuarbeiten und mit den EU-Verteidigungsministern auf einer Sondersitzung über das Problem zu beraten. Portugals Verteidigungsminister Julio Castro Caldas hat nach eigenen Angaben ein Treffen von Vertretern verschiedener NATO-Staaten zum gleichen Thema vorgeschlagen. Portugal und Deutschland testen ihre Friedenssoldaten im ehemaligen Jugoslawien auf mögliche Strahlenschäden. Die Bundeswehr hat dabei nach Angaben des Verteidigungministeriums bislang keine Erkrankungen festgestellt, die auf Kontakte mit Uran-Munition zurückzuführen seien.

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