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24.02.2003

07:26 Uhr

Sparkassen-Krise kostete US-Steuerzahler 160 Mrd. $

Die größte Pleitenserie erlebten US-Sparbanken

VonTobias Moerschen (Handelsblatt)

Wenn Amerikaner derzeit die Lage der deutschen Banken mitleidig beurteilen, vergessen sie, dass eine der größten Strukturkrisen der Kreditbranche vor nicht mal zwanzig Jahren in den USA stattfand.

NEW YORK. Zahlreiche kleine und große Sparbanken, so genannte Savings & Loan-Institute (S&L), gingen Pleite und kosteten den Staat nach Schätzungen der staatlichen Einlagensicherung, Federal Deposit Insurance Corporation, 160 Mrd. $. Der selbständige Finanzberater Bert Ely geht sogar von mindestens 175 Mrd. $ aus.

Ursprünglich waren die S&L als sparkassenähnliche Institute mit dem Auftrag gestartet, in einem engen Korsett staatlicher Reglementierung den Eigenheimbesitz durch günstige Baukredite zu fördern. Die unvermittelte und schlecht durchdachte Liberalisierung des S&L-Marktes in den 80er Jahren, gepaart mit laxer Aufsicht, entfesselte nicht nur Profit- und Wachstumsstreben, sondern begünstigte auch kriminelle Machenschaften im Windschatten der staatlichen Einlagengarantien. Hunderte von S&L-Institute wurden zwangsweise fusioniert oder geschlossen.

Nicht nur der Name (Saving = Sparen), sondern auch der halbstaatliche Auftrag der S&Ls erinnert an den öffentlichen Banksektor in Deutschland. Allerdings bestehen auch grundlegende Unterschiede, die eine ähnliche Entwicklung in Deutschland wenig wahrscheinlich erscheinen lassen.

Die S&L-Krise ist jedoch eine Warnung davor, welche fatalen Folgen schlecht durchdachte staatliche Einmischung in privatwirtschaftliche Belange haben kann. S&Ls waren bis Anfang der 80er Jahre besonders im Südwesten der USA stark verbreitet. Für ihre Aufsicht waren regionale Instiutionen verantwortlich, deren Gehälter die kontrollierten Banken selbst zahlten und deren Mitarbeiter oft persönlich mit den S&Ls verbunden waren.

"Viele Aufsichtsämter wurden wie kleine Grafschaften geführt, die niemandem Rechenschaft ablegen mussten", schreibt die FDIC in einer Analyse der S&L-Krise. Ein Teil der Kontrollaufgaben oblag zwar Bundesbehörden, doch deren Warnungen wurden meist ignoriert.

Die Liberalisierung, die unter anderem die Höhe der Zinsen für Spareinlagen freigab und die S&Ls gegen Banken konkurrieren ließ, entfesselte Wachstumshunger bei vielen Sparbanken. Um ihren Kreditboom zu finanzieren, überboten sie sich hemmungslos bei den Zinsen - denn der Staatliche Sicherungsfonds garantierte alle Einlagen bis zu 100 000 $ pro Konto. Den Zufluß von Spargeldern nutzen viele noch als Sicherheit, um sich zusätzlich kurzfristige Gelder am Markt zu besorgen, mit denen sie günstig langfristige Projekte finanzierten - nicht selten für "gute Bekannte".

Eine ganze Heerschar cleverer Anlagevermittler lebte damals davon, große Vermögen in Summen à 100 000 Dollar zu zerlegen und sie bei den S&L-Banken staatlich abgesicherte zu Höchstzinsen zu deponieren. Die übrigen Banken litten und auch die S&L machten keine Gewinne. Einige Experten glauben, dass die Konkurrenz zwischen öffentlichen und privaten Banken in Deutschland einen ähnlichen Effekt hat, wenn auch weniger dramatisch.

Als Anfang der 80er Jahre die kurzfristigen Zinsen stark stiegen, um die Inflation zu bekämpfen, mussten die S&L kurzfristige Mittel, die sie langfristig billig verliehen hatten, immer teurer refinanzieren. Fast alle S&L rutschten immer tiefer in die Verlustzone, doch die Kontrolleure senkten die ohnehin lockeren Kapitalvorschriften weiter und ließen die insolventen S&Ls gewähren. "Viele staatlichen Maßnahmen waren verzweifelte Versuche, die Folgen der Krise hinauszuzögern", urteilt Finanzberater Ely.

Der für Spargelder zuständige Sicherungsfonds Federal Savings and Loan Insurance Corporation war von der Pleitenserie überfordert. Die Reagan-Administration in Washington, die die Liberalisierung durchgesetzt hatte, drückte lange beide Augen zu - auch als schon klar war, dass skrupellose Geschäftemachter sich schamlos bereicherten.

Je länger jedoch die Krise dauerte, desto höhere Verluste häuften sich an. Die Hoffnung, dass viele S&Ls durch Fusionen überleben würden, bestätigte sich nur bedingt. Am Ende zahlten die US-Steuerzahler einen weit höheren Preis, als wenn die Aufseher frühzeitig gehandelt hätten.

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