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29.01.2003

07:38 Uhr

Sparprogramm „New Gerling"

Gerling plant massiven Stellenabbau

VonHolger Alich und Caspar Dohmen (Handelsblatt)

Der Gerling-Konzern will mit harten Personaleinschnitten seine Profitabilität verbessern. Betriebsbedingte Kündigungen zeichnen sich ab. Außerdem sollen die Außendienstler künftig auf Provisionsbasis arbeiten.

das Gerling-Haus in Köln. Foto: dpa

das Gerling-Haus in Köln. Foto: dpa

DÜSSELDORF. Der Versicherungskonzern Gerling will sich mit harten Kostensenkungsmaßnahmen für einen Verkauf schön machen. Nach Informationen des Handelsblatts soll bis 2004 die bisherige Belegschaft einschließlich der Rückversicherungssparte von weltweit 12 800 Personen nach dem so genannten "New Gerling"-Programm um über 2 000 Stellen verkleinert werden. Bei seinen Erstversicherungsaktivitäten allein will der Gerling-Konzern rund 1 000 Jobs streichen. Die restlichen 1 000 Stellen gelten als bereits gestrichen, da Gerlings Rückversicherer inzwischen an den Investor Achim Kann abgegeben wurde und die Rück-Mitarbeiter daher nicht mehr zum Konzern gezählt werden.

Durch Personalkürzungen und Sachkosteneinsparungen soll das Programm "New Gerling" nach Informationen des Handelsblatts bereits in diesem Jahr das Gerling-Ergebnis um rund 30 Mill. Euro verbessern. Weil das Instrument des Vorruhestandes bereits weitgehend ausgeschöpft ist, werden betriebsbedingte Kündigungen beim nun auf das Erstversicherungsgeschäft konzentrierten Gerling-Konzern wohl unvermeidlich sein. Ein Sprecher Gerlings wollte sich zu den Plänen nicht äußern: "Dazu muss zu allererst mit dem Betriebsrat gesprochen werden", sagte er.

Durch die Aufgabe des Rückversicherungsgeschäfts hat sich der Gruppenumsatz Gerlings, der 2002 noch bei 10,5 Mrd. Euro lag, halbiert. Nun soll die Personalausstattung des Konzerns dem reduzierten Geschäftsumfang angepasst werden. Nach Bekanntwerden der Übergabe des Rückversicherungsgeschäfts an Achim Kann hatte Gerling-Vorstandschef Heinrich Focke bereits im Dezember seine Mitarbeiter in einer internen Mitteilung auf schmerzhafte Einschnitte durch das Programm "New Gerling" vorbereitet. Der Umfang des Personalabbaus war damals aber noch offen geblieben. Bereits 2002 hatte Gerling durch das erste Sparprogramm "Aufbruch" Einsparungen von rund 65 Mill. Euro erzielt.

Das neue Sparprogramm geht aber deutlich weiter. Den Informationen zufolge sollen in allen vier Teil-Bereichen "Privat- und Firmenkunden", "Industriegeschäft", "Administration" und "Informationstechnologie" Einsparpotenziale gehoben werden. Als größter Brocken gilt hier der personalintensive Bereich "Privat- und Firmenkunden", der derzeit knapp 5 000 Mitarbeiter beschäftigt. Seine Kostenquote ist um sieben Basispunkte höher als die seiner Wettbewerber.

Gerling leistet sich als einer der wenigen Anbieter im Markt noch einen angestellten Außendienst, der nicht wie sonst üblich über Abschlussprovisionen bezahlt wird. Gerling versucht derzeit, seinen Außendienst auf Provisionsbasis umzustellen; 300 seiner insgesamt 900 Vermittler haben dem bereits zugestimmt. Zudem unterhält Gerling rund 100 fest angestellte Vermögensberater, die Kunden in Finanzfragen gegen Honorar rundum beraten sollen. Dieses Geschäftsmodell hat sich jedoch als nicht tragfähig erwiesen, weshalb dieser Zweig komplett eingestellt werden soll.

Auch in den Bereichen "Administration" und "Informationstechnologie" sieht das Programm "New Gerling" Personalabbau vor; derzeit arbeiten hier insgesamt rund 1 000 Mitarbeiter. Der Plan sieht vor, dass davon mindestens 300 Stellen bis 2004 gestrichen werden. In dem Zusammenhang wird auch über die Auslagerung bestimmter Service-Dienste nachgedacht, wie zum Beispiel der Betrieb des Rechenzentrums.

Bis Ende Februar soll eine Projektgruppe die Details des Programms "New Gerling" ausgearbeitet haben, anschließend stehen Verhandlungen mit dem Betriebsrat auf dem Programm. Wie groß das tatsächliche Einsparvolumen wird, hängt entscheidend von diesen Verhandlungen ab. Dabei sollen beim Kölner Traditionskonzern auch übertarifliche Leistungen wie etwa der freie Tag an Rosenmontag auf der Streichliste stehen.

Über all dem schwebt die ungeklärte Frage, wer der neue Großaktionär bei Gerling wird. Bislang hat nur der HDI-Konzern ein Angebot vorgelegt, dass von den Gerling-Aktionären Rolf Gerling (65,5 %) und Deutsche Bank (34,5 %) aber als unzureichend abgelehnt wurde. Offiziell wird darüber aber weiter verhandelt.

Solange die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) nicht der Übergabe des Gerling-Rückversicherers an den Investor Kann zugestimmt hat, dürfte sich kaum ein weiterer Interessent mit einem Angebot aus der Deckung wagen. Die Entscheidung der Bafin soll bis Anfang März fallen. Interesse wird neben dem HDI auch Privat Equity Investoren wie Christopher Flowers nachgesagt. Auch die deutsche Industrie soll weiter eine Beteiligung erwägen.

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