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03.04.2003

13:00 Uhr

Speaker's Corner

Forschungs- und Bildungspolitiker sind gefordert

Deutschland fällt international zurück, weil Forschung und Entwicklung lahmen. Prof. August-Wilhelm Scheer (*) hat zwanzig Punkte zusammengestellt, die eine Wende einleiten würden.

Zum wiederholten Mal mahnt eine Studie: "Das technologische Fundament Deutschlands hat unübersehbare Risse." Der Strukturwandel hin zu wissensbasierten Industrien verlaufe im Schneckentempo und sei meilenweit davon entfernt, Wachstum, hohe Einkommen und Beschäftigung sicherzustellen. Drastische Worte der Autoren vom niedersächsischen Institut für Wirtschaftsforschung, die hoffentlich Gehör finden - wurden sie doch mit der Studie zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands von oberster politischer Stelle, dem Bundesforschungsministerium beauftragt.

Besorgniserregend ist vor allem das Ergebnis, dass Deutschland im Vergleich der führenden 12 Nationen gegenüber Anfang der 90er Jahre bei wichtigen Indikatoren abgerutscht ist: bei den Staatsmitteln für Bildung und Forschung, bei den Ausgaben für Informations- und Kommunikationstechnologie und - was besonders schmerzhaft für die Wirtschaft ist: dem Hochtechnologiehandel. Was ist zu tun, um den Motor der Forschung und Bildung auf Hochtouren zu bringen? Allein die Erhöhung der staatlichen Ausgaben, da bin ich mir sicher, reicht nicht. Mittel, die in veraltete Strukturen fließen, versickern meistens ohne Wirkung. Wichtiger ist ein Struktur- und Denkwandel, der Forschung und Bildung ins Zentrum einer auf Innovation ausgerichteten Strukturpolitik rückt.

Zwanzig Vorschläge, die den Forschungs- und Bildungsbereich nachhaltig verändern würden:

1. Einführung des Wettbewerbsprinzips

Bildungs- und Forschungseinrichtungen stehen im Wettstreit um Ressourcen, Personal und "Kunden" (Schüler und Studenten). Der Staat verteilt die Mittel nicht mit der Gießkanne, sondern nach Leistung und Erfolg.

2. Autonomie für Schulen und Hochschulen

Schulen und Hochschulen werden professionell geführt. Dazu gehört, dass nicht die Kultusbürokratie, sondern die Leiter Entscheidungen treffen, das Profil und Angebot der Einrichtung entwickeln und über die Verwendung der Sach- und Personalmittel verfügen. Mittelzuteilung nach Zielerreichung sind das Steuerungsinstrument des Staates, während der Weg zu diesen Zielen Aufgabe und Entscheidung von Schulen und Hochschulen ist

3. Abschaffung der kameralistischen Haushaltsführung

Jahresbudgets mit Ein- und Ausgaben sind für eine langfristige und sinnvolle Wirtschaftsplanung hinderlich. Ein kaufmännisches Rechnungswesen mit Bilanz und Erfolgsrechnung macht deutlich, was eine Leistung kostet und gibt Aufschluss über die wirtschaftliche Verwendung der Mittel.

4. Beschränkung der Kultusbürokratien auf Koordination und Normierungsaufgaben

Die Bildungseinrichtungen brauchen keine Eingriffe in ihren Alltag. Kultusministerien konzentrieren sich darauf, einheitliche Standards beispielsweise für Prüfungen und Qualität zu setzen und Bildungsaufgaben zu koordinieren, um den ständigen Versuchen zur Einmischung zu widerstehen, sollten sie personell drastisch verschlankt werden.

5. Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft

Um die Ergebnisse der Grundlagenforschung für die Anwendungsentwicklung zu nutzen, müssen staatliche Forschung und privatwirtschaftliche Produktentwicklung verzahnt werden. Forschungsinstitute sollten sich grundsätzlich gemischt aus Staatsmitteln und Wirtschaftsaufträgen finanzieren und Beiräte einrichten, in denen Unternehmen vertreten sind. Belohnungs- und Anreizsysteme fördern das wechselseitige Arbeiten von Forschern an staatlichen Universitäten und in Entwicklungsabteilungen der Industrie.

6. Studiengebühren und Stipendien

Die Einführung von Studiengebühren macht Studenten zu Kunden, die eine angemesssene Leistung fordern können. Stipendien- und Kreditsysteme ermöglichen jedem qualifizierten Schulabgänger unabhängig von seinem sozialen Status ein Studium.

7. Eigenfinanzierung der Hochschulen

Das Einwerben von Finanzmitteln durch Aufträge, Private Public Partnerships, Verwertung von Patenten und Bildungsangeboten für Unternehmen gehört zu den Aufgaben der Hochschulen. Eigene Finanzmittel machen Hochschulen unabhängiger von staatlicher Politik.

8. Abschaffung des Lebenszeitbeamtentums für Lehrer und Professoren

Mit Beamtentum sind starre Besoldungs- und Beförderungsstrukturen und Besitzstände verbunden, die einem leistungs- und erfolgsorientierten System im Weg stehen. Lehrer, die ihren Schülern nichts vermitteln und Lehrstuhlinhaber, die für ihr Stoffangebot keine Seminarteilnehmer finden, müssen sich ändern - oder eine andere Beschäftigung suchen.

9. Forschungsprojekte nach Erfolgs- und Effizienzkriterien bewerten

Die Anzahl an Veröffentlichungen und Vorträgen kann kein hinreichender Nachweis für erfolgreiche Forschung sein. Projekte müssen nach konkreten, weiter verwertbaren Ergebnissen beurteilt werden, wovon die Verlängerung eines Forschungsvorhabens abhängig sein muss. Oberstes Ziel des Bundesforschungsministeriums sollte ein hoher Prozentsatz an wirtschaftlich und gesellschaftlich umsetzbaren Ergebnissen sein. Ein Forschungscontrolling sichert die internationale Wettbewerbsfähigkeit.

10. Unabhängige Gutachterkommissionen

Die Personen, die einen Projektantrag prüfen und bewilligen, müssen kompetent und unabhängig sein. Etablierte Gutachter-Netzwerke mit der Neigung zu gegenseitiger Unterstützung müssen durch professionelle Begutachtungen (mit Bezahlung) ersetzt werden.

11. Vereinfachung der Erfindungsverwertung

Die Neuregelung des Erfindungsverwertungsgesetzes legt fest, dass die Hochschulen und nicht die Erfinder die Besitzer sind und schreibt die Verwertung durch (häufig noch inkompetente) Patentagenturen vor. Eigeninitiative darf nicht beschränkt werden. Die Patentagenturen müssen zu Innovationsmotoren werden.

12. Ausbau von e-learning-Strukturen

Die junge Generation stellt sich am besten auf die Zukunft ein, wenn sie mit den neuen Mitteln aufwächst. Schulen sollten Hausaufgabenbetreuung per Internet anbieten, Hochschulen müssen Vorreiter bei der digitalen Signatur für alle Verwaltungsvorgänge sein und ihren Studenten ein internationales Programm durch Online-Vernetzung mit ausländischen Kooperations-Universitäten anbieten. Das BMFT sollte ein Projekt aufsetzen, um die vereinzelten Internet-Initiativen zu bündeln und eine übergreifende virtuelle Universität für die Aus- und Weiterbildung einzurichten. Deutschland muss als Wissensland durch die Entwicklung von e-learning-Plattformen und-Inhalten international führend werden.

13. Marktorientierte Schwerpunktprogramme

Die Forschungsförderung muss an den technologischen und wirtschaftlichen Stärken Deutschlands ausgerichtet sein, um Positionen auf dem Weltmarkt zu erhalten und auszubauen. Heute noch starke Unternehmen und Branchen können morgen vom Ausland überholt werden, wenn keine Rückkopplung mit der Forschung und Bildung stattfindet.

14. Weiterbildungsangebote der Hochschulen

Die Hochschulen sind noch zu stark auf die rein wissenschaftliche Ausbildung konzentriert. In einer Wissensgesellschaft ist lifelong learning gefragt, bei dem Menschen ihr Wissen ständig auffrischen und erneuern. Universitäten sollten ihren Abolventen wie auch Unternehmen lebenslange Ausbildungsverträge anbieten und dadurch sicherstellen, dass ihr Wissensstoff up to date bleibt.

15. Regionale Clusterbildung

Bundesländer und Regionen können ihre heimische Wirtschaft und Beschäftigung stärken, wenn sie Forschungskompetenzen, Wirtschaftsstärken und Bildungsangebote bündeln und bewußt aufeinander abstimmen.

16. Venture Capital an Hochschulen

Innovation braucht junge Unternehmen, die aus Forschungsergebnissen marktreife Produkte entwickeln. Deshalb sollten gezielt VC-Gesellschaften mit Hochschulen kooperieren, um Ausgründungen zu unterstützen.

17. Zur Umsetzung: "Hartz-Kommissionen"

Für den Erfolg von Forschungsprogrammen zeichnen unabhängige Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Wissenschaft verantwortlich, deren Name mit dem jeweiligen Programm verbunden ist. Dadurch wird sichergestellt, dass der Forschungsfokus nicht die Genehmigung des Forschungsantrages, sondern das Ergebnis ist.

18. Klares Organisationsmodell

Die Bildungskompetenzen zwischen Bund, Land und Kommunen werden neu geregelt. Dezentrale Steuerungsmechanismen dürfen nicht durch zentrale Regelungen aufgeweicht werden.

19. Spitzenforschung fördern

Ausländische Forscher müssen gezielt ins Land geholt werden, um an die internationale Spitzenforschung anzuschließen. Ins Ausland abgewanderte deutsche Spitzenforscher indes gilt es durch attraktive Angebote zurückzuholen.

20. PR-Aktionen

Bildung und Forschung müssen interessant und spannend gemacht und von den Medien als "Winner"-Thema erkannt werden. Die Ausbildung zum Wissenschaftsjournalisten muss gefördert werden.

(*) 1985 legte der gebürtige Westfale Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August-Wilhelm Scheer den Grundstein für die IDS Scheer AG. Seit November 1999 ist Scheer Beauftragter des Ministerpräsidenten des Saarlandes für Innovation, Technologie und Forschung. Lesen Sie mehr über den leidenschaftlichen Jazz-Musiker in seinem Portrait weiter ...

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