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14.06.2000

08:01 Uhr

Spitzenrunde zum Atomkonsens am Mittwoch

Kompromiss beim Ausstieg aus der Atomenergie greifbar

Alles spricht dafür, dass sich heutem Energiewirtschaft und Bundesregierung auf einen Ausstieg aus der Atomkraft verständigen.

vwd BERLIN. Der heutige Mittwoch wird voraussichtlich als denkwürdiges Datum in die Geschichte der deutschen Energiewirtschaftspolitik eingehen. Alles spricht dafür, dass sich die Vorstandsvorsitzenden der vier größten Stromversorgungskonzerne bei dem für den Abend geplanten Gespräch im Kanzleramt mit der Bundesregierung auf einen Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland verständigen werden. Viele Fragen sind durch die Beratungen der vergangenen Wochen und Monate auf der Fachebene schon geklärt, dafür hat die Expertenrunde nach Aussage aus Unternehmenskreisen "in vielen Punkten gute Vorarbeit geleistet".

Eine Einigung steht noch aus über die Strommengen, die den einzelnen Unternehmen zugeteilt werden sollen und die sie dann unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten auf ihre einzelnen Meiler verteilen können sowie darüber, wann der letzte Reaktor abgeschaltet werden soll. Bei der Berechnung der Strommengen war strittig, ob dafür, wie von den Unternehmen zunächst gefordert, die Gesamtlaufzeit der Kernkraftwerke in so genannten Volllastjahren zu Grunde gelegt werden sollte oder, wie von den Grünen beabsichtigt, die tatsächliche Laufzeit in Kalenderjahren unter Berücksichtigung von Ausfällen.

Aus den unterschiedlichen Ansätzen ergaben sich weit auseinander liegende Strommengen von rund 3000 Terrawattstunden bzw. 1 800 Terrawattstunden. Zu einem Kompromiss zwischen diesen Zahlen wollten sich bisher weder Unternehmen noch Bundesregierung äußern. Die Umrechnung von Laufzeiten in Terrawattstunden ermöglicht den Unternehmen Flexibilität: Sie können ältere Meiler früher abschalten und jüngere länger laufen lassen. Das bedeutet nach Angaben der energiepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen Michaele Hustedt aber auch, dass das jüngste KKW länger laufen könnte als bis zum Jahr 2019.

"Es muss aber dennoch einen definierten Endzeitraum geben", sagte Hustedt gegenüber vwd. Verständigt haben sich Bundesregierung und Stromwirtschaft bereits darauf, dass die Wiederaufarbeitung von Atommüll bis spätestens 1. Juli 2005 beendet werden soll und das Zwischenlager an den Kraftwerksstandorten eingerichtet werden. Auch wenn die Industrie immer wieder gefordert hat, es müsse für die Zukunft eine Option für die Kernenergie offen gehalten werden, sehen die Realitäten inzwischen anders aus. Politisch gibt es derzeit keine Mehrheit für die Kernenergie, darauf hat der Bundeswirtschaftsminister immer wieder hingewiesen.

Die Unternehmen selbst setzen auf effiziente Gaskraftwerke und neue Technologien wie die Brennstoffzelle. So ist selbst bei möglicherweise veränderten politischen Mehrheiten in der Zukunft ein Wiedereinstieg nach dem Ausstieg, wenn er denn jetzt besiegelt wird, zweifelhaft.

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