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28.06.2012

14:16 Uhr

Anstoß - die EM-Kolumne

Es gibt keine Angstgegner

VonAlexander Möthe

Vor dem EM-Halbfinale Deutschlands wird Italien allerorten als Angstgegner dämonisiert. Das ist psychologisch nachvollziehbar - aber empirisch nur bedingt haltbar.

Ja, Andrea Pirlo, auch Sie sind gemeint. dpa

Ja, Andrea Pirlo, auch Sie sind gemeint.

DüsseldorfDie Statistik ist vernichtend: Siebenmal trafen Deutschland und Italien bei großen Turnieren aufeinander. Es gab vier Unentschieden, drei Niederlagen - und folglich keinen einzigen Sieg für Deutschland. Wie werden Mannschaften genannt, die eine andere Mannschaft auf regelmäßiger Basis nicht bezwingen kann? Richtig, Angstgegner. Und so übernimmt auch die deutsche Presse derzeit, mitunter beinahe freudig, für die „Squadra Azzurra“ die psychologische Kriegsführung.

Hört. Auf. Damit. Denn nüchtern betrachtet gibt es so etwas wie Angstgegner nicht, kann es gar nicht geben. Zumindest auf Länderspielebene. Angstgegner impliziert, dass was immer die unterlegene Mannschaft auch versucht, die Überlegene eine passende Antwort darauf hat. Wenn durch statistische Werte eine Systematik für diese unangenehmen Beziehung zweier Sportvereine oder -verbände ermittelt werden soll, dann müssen die erhobenen Werte zwingend miteinander vergleichbar sein.

Auf Vereinsebene mag das funktionieren: Hier treten 18 Klubs plus einem mehr oder minder weiteren Kreis von fluktuierenden Mannschaften mindestens zweimal pro Saison gegeneinander an. Dazu kommen Pokal- und Testspiele, mitunter auch der europäische Wettbewerb. Wenn Borussia Dortmund den FC Bayern München in drei Spielen in einer Saison besiegt, dann finden sich genügend Beweismittel, um dem BVB eine Spielweise zu attestieren, gegen die der FCB kein Mittel findet. Wenn Dortmund über zwei Spielzeiten hinweg in fünf Spielen mit vergleichbarem Personal, gleichem Trainer, ähnlichem System - kurz: unter vergleichbaren Voraussetzungen - als Sieger vom Platz geht, dann lässt sich von einem Angstgegner sprechen. Denn solange Bayern nicht den Trainer, das System und den Großteil des Kaders austauscht, ist aus verschiedenen (stichhaltigen) Gründen nicht davon auszugehen, dass das in Zukunft anders aussieht.

Anders verhalten sich die Dinge unter den Nationalmannschaften. Die treten bestenfalls, von europäischen Teams ausgehend, alle zwei Jahre in Pflichtspielen gegeneinander an. Bei den Auslosungen der Qualifikationsgruppen sowie der Turniergruppen bei Welt- und Europameisterschaft befinden sich die stärksten Mannschaften zumeist in einem, maximal zwei Töpfen, damit frühe Duelle der Favoriten untereinander vermieden werden. Dieses Privileg erarbeiten sich die Teams durch die Fifa-Rangliste oder den Uefa-Koeffizienten.

Deutschlands EM-Rekordspieler

14 Einsätze

Philipp Lahm ist nach seinem Einsatz gegen Italien mit 14 EM-Spielen neuer Rekordhalter.

13 Einsätze

Auf 13 Spiele kommen Thomas Häßler und Jürgen Klinsmann. Beide wurden 1996 Europameister. Durch das Spiel gegen Italien kamen noch Miroslav Klose und Bastian Schweinsteiger hinzu.

12 Einsätze

Auf zwölf EM-Einsätze bringt es Andreas Brehme.

11 Einsätze

Verdiente Spielführer: Michael Ballack und Lothar Matthäus traten je elfmal bei einer EM für Deutschland an - wie seit dem EM-Halbfinale auch Lukas Podolski.

10 Einsätze

Jürgen Kohler und Matthias Sammer kommen auf zehn EM-Spiele.

Im Klartext: Statistisch gesehen begegnen sich die Top-Teams alle zwei bis vier Jahre - unter Umständen - bei einem Großturnier. Die mögliche Finalpaarung Deutschland gegen Spanien ist ein gutes Beispiel dafür - hier ließen sich vielleicht noch Parameter ansetzen, die die Anforderung der Vergleichbarkeit erfüllen. Beide Teams sind im Nukleus weitgehend gleich, Trainer (Spanien) und taktische Ausrichtung (Deutschland) sind aber selbst jetzt schon zu verschieden.

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