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23.06.2012

10:42 Uhr

Anstoß - Die EM-Kolumne

Löws goldenes Händchen

VonPatrick Kleinmann

Es scheint momentan, als könne Bundestrainer Joachim Löw machen, was er will - es klappt alles. Warum vermutlich auch Tim Wiese als Regisseur und Philipp Lahm als Keeper funktionieren würden.

Der Fußball-Midas: Joachim Löw und sein goldenes Händchen dpa

Der Fußball-Midas: Joachim Löw und sein goldenes Händchen

DüsseldorfManchmal, ganz manchmal, gelingt einem ja alles, was man anfasst. Morgens das Frühstücksei auf den Punkt, grüne Welle auf dem Weg zur Arbeit, Lottogewinn in der Mittagspause und abends holt das Lieblingsteam den Sieg gegen den Erzrivalen. Tage, an denen die Gefahr groß ist, sich ein bisschen unsterblich zu fühlen. Es ist nicht überliefert, wie unsterblich sich Joachim Löw in diesen Tagen fühlt - allerdings hätte er momentan allen Grund dazu. Denn egal was der deutsche Nationalcoach anfasst, irgendwie funktioniert es bestens - er ist so etwas wie der König Midas unter den EM-Trainern.

Beispiel Jerome Boateng: Vor der EM wurde die rechte Abwehrseite als der große Schwachpunkt des deutschen Teams erkannt. Weder Boateng noch seinem bis dahin ärgsten Konkurrenten Benedikt Höwedes wurde als etatmäßigen Innenverteidigern zugetraut, die Position vernünftig auszufüllen - erfolgversprechendste Option war da noch das spontane Klonen von Philipp Lahm. Löw setzte trotzdem auf Boateng und der schaltete nacheinander Cristiano Ronaldo, Ibrahim Affelay und den herumirrenden Arjen Robben aus.

Statistik: Deutschland bei der EM

Die meisten Tore

1. Mario Gomez (3)

2. Lukas Podolski (1)

2. Lars Bender, Sami Khedira, Miroslav Klose, Marco Reus, Philipp Lahm (alle 1)

Die meisten Vorlagen

1. Mesut Özil (3)

2. Bastian Schweinsteiger (2)

2. Mario Gomez, Sami Khedira, Jerome Boateng, Miroslav Klose (je 1)

Die meisten Ballkontakte

1. Bastian Schweinsteiger (371)

2. Mesut Özil (317)

3. Sami Khedira (299)

Am häufigsten gefoult

1. Thomas Müller (9)

2. Mesut Özil (7)

3. Bastian Schweinsteiger (5)

Die meisten Fouls

1. Mario Gomez (8)

2. Thomas Müller (6)

3. Mesut Özil (5)

Die besten Zweikämpfer

1. Mats Hummels (79,69% gewonnen)

2. Jerome Boateng (79,41% gewonnen)

3. Sami Khedira (64,1% gewonnen)

(in der Wertung sind nur Spieler mit mindestens zehn geführten Zweikämpfen)

Die zielgenausten Pässe

1. Lars Bender (59 Pässe, 96,72% angekommen)

2. Toni Kroos (25 Pässe, 96,15% angekommen)

3. Mats Hummels (146 Pässe, 93,59% angekommen)

(in der Wertung sind nur Spieler mit mindestens zehn gespielten Pässen)

Beispiel Lars Bender: Als Boateng dann aber im zweiten Gruppenspiel gegen die Niederlande kurz vor Schluss wegen eines Zeitspiels beim Einwurf seine zweite Gelbe Karte sah, ging die Diskussion neu los. Ob dieser Boateng jetzt überhaupt noch zu ersetzen sei, fragten sich viele deutsche Medien - und bekamen ihre Antwort in Form eines Debütanten. Statt Boateng lief auf einmal der 23-Jährige Lars Bender auf. Ein Spieler, der vorher noch nie in einem A-Länderspiel von Beginn an auf dem Platz stand. Ein Spieler, der in seiner bisherigen Karriere ganze 17 Minuten als Rechtsverteidiger vorzuweisen hatte. Löw setzte trotzdem auf Bender und der zeigte ein starkes Spiel in der Defensive und erzielte ganz nebenbei noch den Siegtreffer gegen Dänemark.

Beispiel Mats Hummels: Hummels oder Mertesacker - das schien vor dem Auftaktspiel gegen Portugal so ein bisschen wie die Wahl zwischen Pest oder Cholera. In der Testbegegnung gegen die Schweiz überboten sich beide mit haarsträubenden Stellungsfehlern und Aussetzern am Ball. Dem Dortmunder wurde zudem immer nachgesagt, dass er mit seiner Spieleröffnung so gar nicht in die DFB-Philosophie passe. Löw setzte trotzdem auf Hummels und der spielte sich innerhalb von drei Spielen zum begehrtesten Innenverteidiger Europas und zum besten Zweikämpfer der EM-Vorrunde.

Die Statistiken der Vorrunde

Die meisten Tore

1. Mario Gomez (Deutschland/3)

2. Mario Mandzukic (Kroatien/3)

3. Alan Dsagojew (Russland/3)

Die meisten Vorlagen

1. David Silva (Spanien/4)

2. Steven Gerrard (England/3)

2. Andrey Arschawin (Russland/3)

Die zielgenausten Pässe

1. Javi Martinez (Spanien/18 Pässe, 100% angekommen)

2. Konstantin Zyryanov (Russland/108 Pässe, 97,3% angekommen)

3. Yann M'Vila (Frankreich/68 Pässe, 97,14% angekommen)

(in der Wertung sind nur Spieler mit mindestens zehn gespielten Pässen)

Die meisten Ballkontakte

1. Xavi (Spanien/387)

2. Igor Denisov (Russland/314)

3. Xabi Alonso (Spanien/283)

Am häufigsten gefoult

1. Giorgios Karagounis (Griechenland/16)

2. Robert Lewandowski (Polen/13)

3. Franck Ribery (Frankreich), Evgen Khacheridi (Ukraine/je 12)

Die meisten Fouls

1. Mario Mandzukic (Kroatien/13)

2. Richard Dunne (Irland/12)

3. Milan Baros (Tschechien/11)

Die besten Zweikämpfer

1. Mats Hummels (Deutschland/86,96% gewonnen)

2. Kyriakos Papadopoulos (Griechenland/84,09% gewonnen)

3. Aleksey Berezutskiy (Russland/80% gewonnen)

(in der Wertung sind nur Spieler mit mindestens zehn geführten Zweikämpfen)

Beispiel Mario Gomez: Obwohl der Münchener bereits die zweite Saison nacheinander im Vereinstrikot trifft wie er will, schien Konkurrent Miroslav Klose gesetzt. Der gebürtige Pole war zwar zum Ende der Saison lange verletzt, zeigt in seiner ersten Spielzeit in Italien aber starke Leistungen. Und schließlich war auf Klose immer Verlass, wenn Deutschland bei einem großen Turnier antrat. Löw setzte trotzdem auf Gomez und der traf in den ersten beiden EM-Partien direkt dreifach, legte gegen Dänemark für Podolskis Treffer vor und war so an 80 Prozent aller deutschen Tore beteiligt.

Und dann das Beispiel Klose/Reus/Schürrle: Gut, der Leverkusener Schürrle machte im Viertelfinale nicht viel richtig. Aber mehr falsch als Lukas Podolski sicherlich auch nicht. Dafür erwiesen sich Reus und Klose gegen die im eigenen Strafraum verschanzten Griechen als Butch Cassidy und Sundance Kid - sie kamen überfallartig und feuerten aus allen Rohren. Resultat: zwei Treffer der Neuen. Ihre Hereinnahme überraschte Müller, Gomez und Podolski genau wie den Rest der Welt, einschließlich völlig überforderten griechischen Spielern.

Es scheint, als könne Löw machen, was er will - es klappt immer. Nicht unwahrscheinlich, dass selbst ein Tim Wiese als Spielgestalter drei Vorlagen gäbe, Philipp Lahm als von Löw nominierter Keeper zum Elfmeterkiller würde. Beruhigend, dass der Nationalcoach momentan ein goldenes Händchen bei seinen Personalentscheidungen hat. Die deutschen Gegner gruseln sich sicherlich jetzt schon.

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