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12.07.2011

10:39 Uhr

Anstoß – die WM-Kolumne

Die ganze Wahrheit über deutsche Torhüter

VonAndreas Schulte

Deutschland ist raus bei der Frauen-WM – auch die gepriesene Torfrau Nadine Angerer konnte nichts daran ändern. Dabei sind deutsche Keeper angeblich die besten der Welt. Warum eigentlich?

Andreas Köpke springt beim Torwart-Kongress and er Sporthochschule Köln über eine Hürde. Der Bundestorwarttrainer zeigte und erklärte den Teilnehmern bei dem Treffen torwarttypische Situationen und spezielle Trainingsübungen. Quelle: dapd

Andreas Köpke springt beim Torwart-Kongress and er Sporthochschule Köln über eine Hürde. Der Bundestorwarttrainer zeigte und erklärte den Teilnehmern bei dem Treffen torwarttypische Situationen und spezielle Trainingsübungen.

„Herr Köpke, wie beurteilen Sie die Leistungen der Torhüterinnen bei der Frauen-WM?“ Der Bundestorwarttrainer der Männer zögert. Er schaut aus dem Fenster, wo sein Blick nur ein paar Bäume trifft. „Ja, kurios … aber die deutsche Torsteherin Nadine Angerer spielt sehr solide.“

Als Köpke das sagte, am vergangenen Samstag beim „Internationalen Torwart Kongress“ in Köln, war die Welt noch in Ordnung. Er war Kongress-Schirmherr und Deutschlands Frauen waren noch drin im WM-Turnier. Als die wenige Stunden später im Viertelfinale rausflogen, hatte sich ausgerechnet Angerer verspekuliert. Beim entscheidenden 0:1 der Japanerin Karina Maruyama, die aus spitzem Winkel abzog, war sie seltsam früh in die kurze Ecke gesprungen. Im langen Eck schlug der Ball ein. 

Trostpflaster für Angerer. Sie gilt weiterhin als eine der besten ihrer Zunft. Damit steht sie in einer Tradition mit Sepp Maier, Oliver Kahn und Toni Schumacher. Die ganze Welt – vor allem aber England – beneidet die Deutschen um ihre Torhüter. Denn die setzen seit Generationen Maßstäbe. 

Frauenfußball-WM - Portrait Nadine Angerer

Video: Frauenfußball-WM - Portrait Nadine Angerer

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Aber warum eigentlich? „Gute Frage“, findet Köpke und blickt wieder ein Weilchen aus dem Fenster. „Das Image der Torhüter wurde hier immer gepflegt. Daher haben wir genügend Spieler, die ins Tor wollen und ihren großen Vorbildern nacheifern.“ 

Kann das die ganze Wahrheit sein? Claus Reitmaier, bis Ende der vergangenen Saison Torwarttrainer beim Hamburger SV, ist als Experte beim Torwart-Kongress mit seinem gestriegelten Bobtail unterwegs. Der Ex-Bundesliga-Tormann vermutet zwei folkloristische Gründe für die Vormachtstellung deutscher Keeper: „Das Torwartspiel ist auch eine Mentalitätsfrage. Die Deutschen profitieren da von ihren typischen Eigenschaften: Fleiß und Gründlichkeit. Ohne die lässt sich gutes Torwartspiel nicht antrainieren.“ 

Deutsche Torwart-Titanen

Sepp Maier - der lustige Revoluzer des Torwartspiels

Der Weltmeister von 1974 revolutionierte das Torwartspiel im Strafraum. Kein anderer wagte sich so weit aus seinem Gehäuse heraus, um so sicher so viele Flanken und Eckbälle abzufangen. Maier stand 95 Mal für Deutschland im Tor und spielte 473 Bundesligapartien für den FC Bayern. Wurde es ihm zwischen den Pfosten zu langweilig, kehrte er auch im Spiel den bayerischen Gaudibub heraus. Einmal setzte er im Münchener Olympiastadion zum Pläsier der Kameraleute einen Hechtsprung nach einer verirrten Ente an. Das Tier entkam.

Oliver Kahn - der tragische Held

„Das kahn doch nicht wahr sein“, kalauerten Boulevard-Medien nach Kahns Patzer im WM-Finale 2002. Sein erster Fehlgriff nach gefühlten Jahrzehnten besiegelte die deutsche Niederlage gegen Brasilien. Tragisch: Mit spektakulären Paraden hatte der damalige Bayern-Keeper die eher durchschnittliche deutsche Mannschaft überhaupt erst ins Finale geboxt. Der größte Fehler im wichtigsten Spiel, dieses Schicksal teilt der „Titan“ mit seinem Vorbild …

Toni Schumacher - der Besessene

Der langjährige Torwart des 1. FC Köln leistete sich im WM-Finale 1986 einen seltenen kapitalen Fehlgriff: Wie ein Kanarienvogel segelte der Europameister von 1980 im gelben Dress unter einer Flanke hindurch und leitete damit die deutsche 2:3 Niederlage gegen Argentinien ein. Schumacher war Opfer seines unbändigen Ehrgeizes geworden: „Ich hatte während des gesamten Spiels noch keinen Ball gehalten und wollte diese Flanke unbedingt haben.“ Zuviel gewollt.

Toni Turek - der leichtsinnige Fußballgott

Der liebe Gott kommt aus Duisburg! Zumindest wenn es nach Reporterlegende Herbert Zimmermann geht. „Turek, du bist ein Fußballgott“, trällerte er selig ins Mikro, als Toni die ungarischen Spieler mit unzähligen Rettungstaten im WM-Finale von Bern 1954 schier zu Verzweiflung brachte. Turek rief im wichtigsten Spiel seiner Karriere sein gesamtes Potenzial ab. In 19 weiteren Länderspielen blieb er eher blass. Mit seinen spektakulären Ausflügen manchmal bis in des Gegners Hälfte verzückte er die Fans. Dem Bundestrainer Sepp Herberger gefielen diese Volten weniger. Er nannte Turek, der 1984 verstarb, einen „leichtsinniger Bruder“.

Rudi Kargus - die unschlagbare ewige Nummer zwei

Die ganz große Karriere blieb dem langjährigen Torwart des Hamburger SV verwehrt, weil er an Sepp Maier im Nationaldress nie vorbeikam. Gerade einmal drei Länderspiele stehen für Kargus zu Buche. Dennoch ist er unschlagbar: Von 70 Bundesliga-Elfmetern parierte er 23 – Rekord. Zum Vergleich: Sepp Maier entschärfte nur neun von 69.

Uli Stein - der Verschmähte

Einem anderen Torwart des Hamburger SV ging es nicht besser. Was Sepp Maier für Rudi Kargus, war Toni Schumacher für Uli Stein. Beim Versuch, den Kölner aus dem Nationaltor zu verdrängen, biss Stein bei Teamchef Franz Beckenbauer auf Granit. Das schmeckte dem Verschmähten nicht und er hieß Beckenbauer einen „Suppenkasper“. Der Kaiser schickte Stein schnurstracks von der WM in Mexiko nach Hause. Sechs Länderspiele hatte der sonst zuverlässige Stein bis dahin bestritten - und mehr als 500 Mal in der Bundesliga zwischen den Pfosten gestanden.

Bert Trautmann - der missachtete Aussöhner

In England haben Sie ihm ein Denkmal gesetzt. Von 1949 bis 1964 bestritt der Bremer 545 Spiele für Manchester City – und wenn es sein musste, riskierte er dabei sogar sein Leben. Kurz nach seiner Wahl zum Spieler des Jahres in England sprang ihm im Pokalfinale 1956 gegen Birmingham ein Gegner in den Nacken und brach ihm dabei das Genick. Trautmann hielt die verbliebene Viertelstunde durch. Der knochenhart erkämpfte 3:1-Erfolg ist nur ein Verdienst des weltbesten Torhüters. Mit seinen Leistungen und seinem fairen Spiel trieb er die Aussöhnung zwischen Deutschen und Engländern nach dem Krieg voran. Ein Auftritt in der Nationalmannschaft blieb ihm verwehrt. Trainer Sepp Herberger berücksichtigte Auslandsprofis nicht.  

Heiner Stuhlfauth - der dritte Verteidiger

Zwischen 1918 und 1922 verlor der 1. FC Nürnberg von 104 Verbandsspielen keines. Großen Anteil daran hatte Heiner Stuhlfauth, mit dem die Franken in den 20er-Jahren fünf deutsche Meisterschaften errangen. Der 21-malige Nationalspieler gilt als Pionier des spielenden Torwarts. Die Journalisten priesen ihn als dritten Verteidiger.

Jürgen Croy - der Sepp Maier des Ostens

Mit Sachsenring Zwickau machte er kaum Furore. Doch nach eigenem Bekunden hätte er auch bei Bayern München im Tor stehen können. Für den Ostdeutschen Jürgen Croy stand fest: Torhüter in der DDR waren genauso stark wie die Top-Torhüter der 70er-Jahre im Westen. Ein Wechsel in den Westen sei für ihn nie in Betracht gekommen, schon zum Schutz seiner Familie. So bleiben in der Bilanz des erfolgreichsten DDR-Torhüters 94 Einsätze in der Nationalmannschaft, drei Wahlen zum DDR-Fußballer des Jahres und natürlich der 1:0-Sieg der DDR über die Bundesrepublik Deutschland bei der WM 1974. Damals im Tor der Westdeutschen: Sepp Maier.

Jens Lehmann - zwischen Genie und Wahnsinn

Mit 41 Jahren sucht Jens Lehmann wieder einen neuen Verein. Eigentlich war der WM-Torhüter von 2006 schon in Fußball-Rente. Doch auch wenn er jetzt keinen Job mehr bekommen sollte, an Lehmann wird man sich noch lange erinnern. Zum einen wegen einer weitgehend fehlerfreien WM 2006, in deren Vorfeld er Oliver Kahn als Nummer eins verdrängte. Und zum anderen wegen einiger haarsträubender Fehlgriffe, die er nur Sekunden später regelmäßig mit Weltklasseparaden wiedergutmachte.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

12.07.2011, 11:20 Uhr

Wie kann man eine Torhüterin auf die Ebene mit Weltklassetormänner wie Sepp Maier, Oli Kahn oder Toni Schumacher stellen .............. ? Hat das HB jetzt noch alles Tassen im Schrank?

Account gelöscht!

12.07.2011, 17:15 Uhr

Und wo bleibt die Erwähnung von Fritz Herkenrath?

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