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07.06.2014

14:58 Uhr

Anstoß – Die WM-Kolumne

Grenzenloses Vertrauen

VonAlexander Möthe

Hiobsbotschaft! Reus verletzt! WM-Titel außer Reichweite? Humbug. Die Nationalmannschaft hat genug Talent, um den Ausfall zu kompensieren. Und nun kriegt sie auch genug Talent, um in der Abwehr zu glänzen.

Keine Bange: Mesut und Lukas sind doch da. dpa

Keine Bange: Mesut und Lukas sind doch da.

Jetzt ist es passiert, jetzt hat es auch einen der deutsche Superstars erwischt: Marco Reus hat sich die Syndesmose (-mose heißt übrigens schon „Band“) angerissen und fällt für die WM aus. Wie Franck Ribéry, wie Falcao oder auch Teamkollege Ilkay Gündogan. Da waren Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Philipp Lahm und Manuel Neuer gerade wieder, nennen wir es: fit, da kommt die Hiobsbotschaft. Aus, Ende, vorbei, wie soll Deutschland jetzt Weltmeister werden? Die Antwort ist ziemlich simpel: Mit den 23 Jungs, die mit nach Brasilien fahren.

Der deutsche Fußballfan trägt grundsätzlich Züge einer bipolaren Störung mit sich herum: Mal jauchzt er himmelhoch, im nächsten Moment ist er zu Tode betrübt. Vor der WM ist (Fußball-)Deutschland in einen kollektiven Kulturpessimismus verfallen. Die Bundesliga war zum ersten Mal seit einem Jahr nicht im Champions-League-Finale vertreten, die Test(!)spiele der DFB-Elf waren keine Feste ach und irgendwie hat man ohnehin die Nase vom ewigen warten auf den Titel voll. Gehen wir mal vom Schlimmsten aus, dann bricht uns nicht das Herz.

WM-Kolumnist Alexander Möthe: Zumindest den Ball hat er meist sicher im Griff.

WM-Kolumnist Alexander Möthe: Zumindest den Ball hat er meist sicher im Griff.

Die Empfehlung ist, es zu halten wie der Bundestrainer: Einfach dem Kader vertrauen. Sicherlich ist Marco Reus ein Schlüsselspieler, ein Talent, das kein Team der Welt 1:1 ersetzen könnte. Aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, dass Löw Offensivkräfte in die Bresche springen lassen kann, um die Deutschland von 32 teilnehmenden Nationalmannschaften wenigstens 28 beneiden. Als Reus vom Feld ging, stand es gegen Armenien 0:0. Einige Wechsel später stand es 6:1. Da hatte die deutsche Elf gegen den (zugegebene unterklassigen) Gegner die 20 besten Länderspielminuten der jüngeren Geschichte abgeliefert. Alles Jammern hilft nur nichts, es ist auch unangebracht (liebe Kollegen).

Und warum Shkodran Mustafi? Warum nicht Kevin Volland, einen weiteren Stürmer? Joachim Löw hat sich auf ein System festgelegt. Ein flexibles System zwar, aber eins, was nicht mehr um einen Mittelstürmer herum angelegt ist. Selbst Miroslav Klose, der einzige Mittelstürmer im Kader, sagte nach dem Spiel gegen Armenien, dass er gar nicht mehr Mittelstürmer spielt. Man müsse rotieren und, sinngemäß, im Wechsel den gegnerische Strafraum penetrieren.

Im defensiven Bereich hingegen ist Deutschland, anders als zu Zeiten der WM 1990 und EM 1996, in der Breite mit deutlich weniger Talent gesegnet. Da macht es Sinn, für den Fall des (Aus)Falles, einen weiteren Allrounder wie Mustafi mitzunehmen. Jemand, der auch als Joker kommen kann, um einen Vorsprung abzusichern, den die Abteilung Attacke herausgeballert hat – übrigens eine der, wenn nicht die größte Schwäche der Nationalmannschaft.

Der Trainer spricht seinem Sturm damit absolutes, grenzenloses Vertrauen aus. Und die Abwehr kriegt vielleicht einen wichtigen Denkanreiz.

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