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15.07.2014

18:34 Uhr

Anstoß – die WM-Kolumne

So geh'n die Andern

VonAlexander Möthe

Warum ist ein Erfolg erst dann komplett, wenn ein anderer gedemütigt wurde? Die deutschen Weltmeister sollten wissen, dass eine Feier auch ohne Häme Spaß macht. Gerade, weil sie bei der WM vorbildlich aufgetreten sind.

Gehen so die „Gauchos“? Auch gewinnen will gelernt sein. dpa

Gehen so die „Gauchos“? Auch gewinnen will gelernt sein.

Da ist sie hin, die schöne Euphorie. Ich bin einer von den Miesepetern. Den Gutmenschen. Ich habe einen Stock dort, wo die Sonne nicht scheint. Zumindest, wenn ich den Antworten auf meine Kommentare in den Sozialen Netzwerken glauben schenken mag. Weil ich ein ungutes Gefühl habe, wenn eine Gruppe sichtlich betrunkener deutscher Nationalspieler sich vor Millionen Zuschauern über einen bereits fair geschlagenen Gegner unverhohlen lustig macht.

Die ganze Inszenierung des Spektakels rund um den Empfang des DFB-Teams hinterlässt einen merkwürdigen Beigeschmack. Anstelle der spontanen Feiern auf dem Balkon des Frankfurter Rathauses ist, zum zweiten Mal nach 2006, die verlängerte und als Bühne genutzte Fanmeile in Berlin getreten. Kein Jürgen Klinsmann, der angeheitert „Football’s coming home“ anstimmt, obwohl es niemand mitsingen kann. „Atemlos durch die Nacht“ ist die Hymne dieses Vormittags, gesungen, auch live, von Helene Fischer. Der wohl größte deutsche Hit der vergangenen Jahre. Mitschmettern können ihn Millionen.

Oliver Bierhoff stand nach der Europameisterschaft 1996 zusammen mit Klinsmann in Frankfurt auf dem Balkon. Als Siegtorschütze und Held, wie jetzt Mario Götze. Der eigenwillige, aber natürliche Charme einer Gruppe Fußballer, die sich nach einem Triumph losgelöst ihrer Freude hingibt, scheint dem Teammanager nicht gereicht zu haben. Das Event in Berlin wird bejubelt, bleibt aber immer eins: eine Inszenierung. In kleinen Grüppchen holen sich die Spieler ihren Applaus ab. Und singen ein Lied, was seit 2008 jeder kennt, aber schon damals für Unmut gesorgt hat.

WM-Kolumnist Alexander Möthe: Zumindest den Ball hat er meist sicher im Griff.

WM-Kolumnist Alexander Möthe: Zumindest den Ball hat er meist sicher im Griff.

„So gehen die Deutschen“ sang damals Blödelbarde Oliver Pocher, auch diesmal wieder eng am dran DFB-Team. Wie die Deutschen gehen? Aufrecht, beschwingt, triumphierend. Schon der Chef-Einpeitscher auf der Fanmeile sorgte beim Warm-up dafür, dass die Menge begriff, dass „31 Mannschaften verloren haben“ – das sind „die Anderen“. Und die gehen mit hängenden Köpfen und Schultern. Weil sie verloren haben.

Ist das nicht Strafe genug? Deutschland hat in Brasilien ein spielerisch gutes, faires und als Mannschaft sympathisches Turnier gespielt. Kaum in Deutschland gelandet, feixen gestandene Nationalspieler gegen den bezwungenen Gegner Argentinien. Spieler, die sich ihren Sieg anständig erkämpft haben und auf ihre Leistung natürlich stolz sein dürfen, vielleicht auch müssen. „So gehen die Gauchos“, rund um den ernüchterten Weltfußballer Lionel Messi, der vielleicht nie wieder eine Titelchance bekommt. Darüber muss niemand Tränen vergießen. Aber Respekt wäre angebracht. Gerade von einem Anführer wie Bastian Schweinsteiger, der während des Turniers vorbildlich Stars wie Ronaldo, David Luiz oder Karim Benzema getröstet hat. Gerade von Oliver Bierhoff, der weiß, wie man anständig gewinnt – und als Spieler auch brutal verliert.

Kommentare (21)

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Frau Uta Schaefer

15.07.2014, 19:33 Uhr

Manchmal frage ich mich als Deutsche, die seit Jahren in Mexico lebt, warum wir Deutsche es immer wieder fertig bringen uns selbst ein Eigentor zu schiessen. Ich sehe absolut Nichts Niedertraechtiges order sogar Haemisches dabei sich ein wenig ueber Argentinien lustig zu machen, zumal Argentinien sich auf die widerlichste Art ueber uns Deutsche und Brasilianer lustig gemacht hat. Ich empfehle Spanisch zu lernen, damit dieser arrogante, sich sebstverherrlichende Deutsche, der mal wieder etwas Negatives zu sagen hatte ueber unsere Mannschaft eine andere Sprache lernt und sieht, dass wir in keinster Weise so boesartig sind wie die Nord, Mittel und Suedamerikaner. Zum Glueck interresiert es keinen was mal wieder so ein dummer Mensch von sich gibt, der sich dafuer auch noch entschuldigt, dass unsere Jungs einfach Spass hatten. (...) Ein Dankeschoen an diese Mannschaft, die uns Deutsche auf der ganzen Welt wieder positiv hingestellt hat waere angebracht gewesen und nicht diese kindische, ignorante Kritik, zumal es sich um das deutsche Handelsblatt handelt und man annehmen solltem dass Ihr Kommentatoren habt , die wenigsten ueber einen gesunden Menschenverstand verfuegen.

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Account gelöscht!

15.07.2014, 19:45 Uhr

Sehr geehrte Frau Schaefer,

herzlichen Dank für Ihr Interesse an meinem Kommentar. Seien Sie versichert, mit meinem Gehirn ist alles in Ordnung, zumindest die Kernspin-Untersuchung vor einigen Jahren legt dies nahe. Aber ich weiß die Sorge zu schätzen.

Ich vertrete in diesem Meinungsartikel meine Meinung. Und wie Sie dem Text entnehmen können, ist die Essenz dieses Beitrags Ihrem Verständnis fundamental entgegengesetzt: Meine Sichtweise ist, dass das schlechte Verhalten anderer keine Rechtfertigung sein kann, selbst unschönes Verhalten an den Tag zu legen. Aber an diesem Punkt scheinen unsere Sichtweisen unvereinbar zu divergieren.

Ich freue mich auf eine Fortsetzung der Diskussion, würde aber einen Verzicht auf weitere Beleidigungen als Gesprächsgrundlage ansehen wollen.

Bleiben Sie uns gewogen, Frau Schaefer!

Mit freundlichen Grüßen

Alexander Möthe

Herr Jack Pot

15.07.2014, 20:01 Uhr

Quark, da sind Menschen auf die Bühne gekommen und keine Roboter. Die Jungs haben sich eine ausgelassene Party verdient und gerade in Berlin gibt es eine große Tradition der freien und vl auch mal unüberlegten Rede, Berliner Schnauze genannt. Wenn man jemanden veräppelt hat das nix mit Respektlosigkeit zu tun, wahrscheinlich lachen über diesen Auftritt mehr Brasilianer/Argentinier als Sie sich vorstellen können. Päpstliches Verhalten ist auf einer WM Siegesfeier total unangebracht.

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