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02.07.2014

13:57 Uhr

Anstoß – Die WM-Kolumne

Stoppt die stereotype Berichterstattung!

VonVolker Sliepen

Die DFB-Elf spielt katastrophal, die Leistung ist unerklärlich. Boateng sprintet nur, wenn er muss, Özil ist ein wandelndes Phlegma. Sprache sagt viel über unser Denken aus. Ein Plädoyer für einen kritischeren Umgang.

Warum trifft es Boateng und Özil? Berichterstattung muss kritisch sein, aber auch kritisch hinterfragt werden. AFP

Warum trifft es Boateng und Özil? Berichterstattung muss kritisch sein, aber auch kritisch hinterfragt werden.

Teamchef Rudi Völler wiederholte es gebetsmühlenartig, Nationaltrainer Joachim Löw macht es subtiler – die Botschaft ist die gleiche: Es gibt keine „kleinen“ Fußballnationen mehr. Und schon gar nicht im Achtelfinale einer WM-Endrunde, könnte man anfügen. Das leuchtet ein. Geht aber an der sprachlichen Realität und am Denken von so manchem Fußballfan und Experten vorbei. Denn das ist von stereotypen Schubladen geprägt.

Niemand käme auf die Idee, im Achtelfinale der Champions League von einem „Freilos“ zu sprechen. Treffen die „großen“ Vereinsmannschaften des Kontinents auf europäische Underdogs, wird vor allem eines: gewarnt. Das gegnerische Team sei bis in die Haarspitzen motiviert, sei hungrig auf Erfolg. Und verfüge über fan(t)a(s)tische Fans, die ihre Mannschaft zu Höchstleistungen anpeitschten.

Anstoß – Die WM-Kolumne: Mit Mustafis WM-Aus endet ein Missverständnis

Anstoß – Die WM-Kolumne

Mit Mustafis WM-Aus endet ein Missverständnis

Raketenhafter Aufstieg, Überforderung, WM-Aus: Das Mustafi-Chaos ist Sinnbild für den gefährlichen Wankelmut des Jogi Löw. Die Probleme sind hausgemacht – denn für Löw sind Taktikänderungen ein Zeichen von Schwäche.

Treffen die besten (Ausrufezeichen) Nationalmannschaften bei den Weltmeisterschaften aufeinander, kommen andere Reflexe hinzu. Da können der Trainerstab um Löw und Spieler wie Kapitän Lahm noch so vor den spielerischen und kämpferischen Qualitäten des Gegners warnen. Da können Favoriten wie Brasilien, die Niederlande, Frankreich (und jetzt auch Argentinien) ihr Achtelfinal-Aus gerade noch so verhindert haben – in der deutschen Wahrnehmung ist der Gegner nur ein Sparringspartner. Denn sein Name ist Algerien.

Gegen die Nordafrikaner erwartete Fußball-Deutschland von der DFB-Elf nicht nur den Pflichtsieg. Es erwartete nicht weniger als eine Fußballparty, einen Kantersieg, eine Demonstration der Stärke, der eigenen Überlegenheit – einen Grund, sich zu berauschen. Man muss nicht einmal alte, wenngleich immer noch verbreitete Ressentiments gegen einen vermeintlich rückständigen afrikanischen Fußball ins Spiel bringen. Die Erwartungshaltung vor dem Algerien-Spiel war schlicht: arrogant und überheblich.

Sie missachtet den bisherigen Turnierverlauf, macht eine fußballerische Zweiklassengesellschaft auf, die es nicht gibt. Und lässt eine Fallhöhe entstehen, der man nur durch drastische sprachliche Wendungen Herr werden kann. „Katastrophal“ sei sie gewesen, die Leistung der deutschen Elf, „unerklärlich“ der Leistungsabfall, urteilte ZDF-Reporter Béla Réthy nach einem Drittel des Spieles. Was war passiert? War Deutschland ausgeschieden? Lag die Elf mit 0:3 hinten? Fehlten Reporter und Zuschauern die Worte, um eine nicht begreifbare Leistung zu beschreiben?

Kommentare (9)

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Herr Bernd Engesser

02.07.2014, 14:15 Uhr

Der Kommentar während des Spiels war zumindest in den ersten 30 Minuten unerträglich. Danach kann ich nicht beurteilen, da ich den Ton ausgestellt habe. Und damit ungestört ein spannendes Spiel sehen konnte.

Herr Robert Tichauer

02.07.2014, 16:16 Uhr

Klasse Beitrag! Schade, dass ihn wahrscheinlich nicht viele zu lesen bekommen.

Herr Peter Schumann

02.07.2014, 17:03 Uhr

Ein sehr wichtiger Beitrag, vielen Dank! Leider stellen die Herren und Damen Reporter und Spezialisten für Fussall-WM ein Spiegelbild unserer Gesellschaft dar und scheuen sich nicht, Stereotype nicht nur zu verstärken sondern neue zu schaffen. Sie sollten sich mal den Vorspann vom DFB während der Bundesliga über multikulturelle Grundlagen und Toleranz im Fussball ansehen, aber dazu haben sie offensichtlich weder die Zeit noch die Motivation! Und das alles im "öffentlich-rechtlichen-Fernsehen", eine Schande!

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