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14.06.2014

10:41 Uhr

Anstoß – Die WM-Kolumne

USA? Von wegen Entwicklungsland

VonChristoph Henrichs

Der Weg nach Brasilien kann über New York führen, die USA, das Land, in dem Fußball nur Mütter von kleinen Töchtern interessiert. Doch halt! Nordamerika hat längst seine Liebe für Soccer entdeckt.

Jürgen Klinsmann bei der Pressekonferenz in Stanford, Kalifornien. Landon Donovan wird nicht Teil seines Teams sein. AFP

Jürgen Klinsmann bei der Pressekonferenz in Stanford, Kalifornien. Landon Donovan wird nicht Teil seines Teams sein.

Ein argwöhnischer Blick auf den Reisepass, ein prüfender Blick auf den Reisenden: Die Grenzschutzbeamten am New Yorker Flughafen verkörpern bestens die europäische Angst vor der Überwachungsmacht USA. Die
approved- und rejected-Stempel stehen zu nah beieinander, um ohne Anspannung ins Einreiseverhör zu gehen. „Wo werden Sie in den USA wohnen?“, will der uniformierte Latino von mir wissen. „Ich fliege direkt weiter nach Rio de Janeiro“, antworte ich, „zum World Cup!“
Jede Strenge weicht aus dem Gesicht des Officers, die Augen strahlen mich an. „Wirklich, für welche Spiele?“ Und flugs befinden wir uns in einer Diskussion über die Stärke der Portugiesen, das talentierte deutsche Mittelfeld und den aufsehenerregenden Ausschluss Landon Donovans aus dem USA-Kader. Gar nicht zufrieden sei er mit dieser Entscheidung, seufzt der Polizist, während in der Schlange hinter mir die ersten Hälse gereckt werden. Ich versuche ihn aufzumuntern:
„Klinsmann hat bei uns damals vieles richtig gemacht, vielleicht klappts ja auch bei euch!“ – „No chance“, lacht mein Gegenüber resignierend, stempelt ein approved in meinen Pass und winkt mir zum Abschied mit gedrückten Daumen.

Handelsblatt-Autor Christoph Henrichs schreibt über die WM.

Handelsblatt-Autor Christoph Henrichs schreibt über die WM.

Sieht so das Tor in ein vermeintliches Fußball-Entwicklungsland aus? Wo neben Football, Baseball, Basketball und Hockey kein Platz mehr für eine weitere Sportart ist? Wo eine Bar in Chicago vor meinen mitfiebernden Augen im WM-Finale 2006 vor dem Elfmeterschießen auf Golf umschaltete?

Nein, das Fussballfieber hat auch längst die Amis erreicht – zumindest die Flughafenbediensteten: An einem Treppenabsatz zwischen zwei Terminals hat sich ein Arbeiter mit seinem Reinigungsfahrzeug niedergelassen und starrt auf den Bildschirm seines iPhones, auf dem gerade Spieler in karierten Trikots hin- und herhuschen. So erlebe ich den Anstoß zum Eröffnungsspiel der WM 2014 in Brasilien: Im Transitbereich, auf der ESPN-App eines fußballverrückten Amerikaners, der fünf Minuten lang gar nicht bemerkt, dass ich ihm ungeniert über die Schulter blicke und danach verlegen das Handy ein bisschen mehr in meine Richtung dreht.

Ich bin noch nicht einmal in Brasilien und schon liegt das prickelnde WM-Gefühl in der Luft. Was für ein Fest wird das dann erst vor Ort werden..?

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