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15.06.2012

17:35 Uhr

„Balljungen-Affäre“

Löw und die Macht der Bilder

VonLutz Hillekamps

Ein lockerer Bundestrainer scherzt beim Stand von 0:0 gegen die Niederlande mit dem Balljungen - glaubten alle Fernsehzuschauer. Doch jetzt stellte sich heraus: die Szene war nicht live, andere Szenen fehlten ganz.

Der Schelm und sein „Opfer“: Joachim Löw erlaubte sich mit dem Balljungen einen kleinen Scherz - vor dem Spiel. dpa

Der Schelm und sein „Opfer“: Joachim Löw erlaubte sich mit dem Balljungen einen kleinen Scherz - vor dem Spiel.

DüsseldorfEs war schon eine kuriose Szene. Es lief die 22. Minute in der Partie zwischen Deutschland und den Niederlanden, als sich den Fernsehzuschauern folgendes Bild bot. Bundestrainer Joachim Löw pirschte sich verstohlen von hinten an einen Balljungen heran und stupste ihm mit einer lässigen Handbewegung den Ball aus der Hand, um sich gleich darauf mit einem verschmitzten Grinsen und einem Schulterklopfer für seine kleine Spaßeinlage zu entschuldigen. Anschließend kickte Löw den Ball mit der Hacke zurück zum verdutzten jungen Helfer am Spielfeldrand.

Die Szene vermittelte den Eindruck eines lockeren und gelösten Bundestrainers – angesichts des Standes von 0:0 und eines zu diesem Zeitpunkt durchaus ausgeglichenen Spielverlaufs ein eher irritierender Anblick. Doch wer dachte, es handele sich um eine Live-Aufnahme, sah sich getäuscht, denn diese Szene wurde bereits während der Aufwärmphase rund 15 bis 20 Minuten vor Abpfiff aufgenommen. Dies bestätigte der Europäische Fußball-Verband Uefa, die für die zentrale Bereitstellung des TV-Signals verantwortlich zeichnet, auf Anfrage.

Warum die Szene mit derart großer Verzögerung und ohne Hinweis in die Live-Übertragung eingeflochten wurde, bleibt bislang ein Rätsel. Auch der Bundestrainer zeigte sich irritiert. Im ZDF-Interview nach dem 2:1-Sieg gegen den Erzrivalen antwortete Löw, von Michael Steinbrecher auf den Vorfall angesprochen: „Weiß ich nicht, das war irgendwie vorm Spiel, oder sowas.“ Doch Steinbrecher, wie das ZDF zunächst selbst auf die vermeintlichen Live-Bilder reingefallen, setzte gleich an, den Bundestrainer zu korrigieren: „Nee, nee, da stand es 0:0.“

Doch nicht nur der ZDF-Moderator wurde getäuscht, rund 27 Millionen Menschen vor deutschen TV-Geräten dürfte es kaum anders gegangen sein. Bleibt die Frage, welchen Zweck die Uefa mit der verspäteten Ausstrahlung der Bilder verfolgte. Unklar bleibt außerdem, wer die Auswahl der Bilder während der Live-Übertragungen in letzter Instanz verantwortet. Für die Produktion der Fernsehbilder ist laut Welt Online offenbar die Firma „HBO“ zuständig. ARD, ZDF und Co. bekommen das Signal schon fertig geliefert, haben also laut eigener Aussage keine Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Bildauswahl.

Auf Anfrage von Handelsblatt Online wälzte die Uefa die Verantwortung dagegen auf die Sendeanstalten ab. Man stelle den Sendern eine „ausreichend große Auswahl an Bildmaterial“ zur Verfügung, „wobei zahlreiche Blickwinkel eines bestimmten Augenblicks abdeckt werden“. So liege es „also am Regisseur und an den Sendern, welche Bilder sie senden.“ Zudem verwies die Uefa darauf, dass es sich bei diesem Vorgang um „eine international übliche Praxis“ handele, „dass bei Liveübertragungen solche Szenen als Wiederholungen eingespielt werden.“ Jeder Sender bekomme mit dem gelieferten Material die Möglichkeit, „seine Übertragungen den jeweiligen Bedürfnissen entsprechend anzupassen.“ Die Produktionsfirma HBO wird mit keinem Wort erwähnt. Demgegenüber stehen die Aussagen von ARD und ZDF, die unter anderem im Rahmen der Ausstrahlungen mehrfach darauf hinweisen, nicht für die Auswahl der Zeitlupen verantwortlich zu sein. Inzwischen haben die Sender bei der Uefa offiziell Beschwerde gegen die fehlende Kennzeichnung, dass es sich bei der Löw-Szene nicht um Live-Aufnahmen handelte, eingelegt.

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